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Mein Opa war bei der SS – eine Installation wider das Vergessen

Mein Opa war bei der SS – eine Installation wider das Vergessen

Zwischen April 1942 und September 1944 gingen vier Transporte der von der NSDAP als Juden definierten Menschen von Gleis 4 am Siegener Bahnhof ab. Von den insgesamt etwa 84 Personen sind nur sieben Überlebende bekannt. Beim ersten Transport am 28. April 1942 nach Zamosc starben alle der 41 Deportierten. Dieser Deportation widmete sich Siegener Fotokünstler Thomas Kellner 2015 in seiner Ateliersausstellung „Mein Opa war bei der SS“. Dort zeigte er 41 Kleidungsensemble, die an Kleiderbügeln nebeneinander von der Decke hingen. Jedes dieser Outfits zierte der gelbe Stern, der während der NS-Zeit zur Identifikation jüdischer Menschen funktionierte. Kreiert während der sogenannten „Flüchtlingskrise“, erinnert diese Ausstellung an die Menschen, die keine Chance mehr hatten zu flüchten. „Mit dieser Installation möchte ich ermahnen und erinnern, dass so etwas nie wieder passiert“, sagte Kellner damals und spannt den Bogen zu der damaligen Situation, in der Menschen in Deutschland Schutz suchten, aber teilweise mit Anfeindungen, bis hin zu Gewalt begegnet wurden. Er betont, dass wenn „heute Menschen flüchten […] und zu uns kommen und Schutz suchen, dann ist das unsere Pflicht, diese Menschen aufzunehmen, ihnen Schutz zu gewähren, ein Obdach und ein neues Zuhause.“ Dies ist heute genauso wichtig wie damals. Noch immer sterben Fliehende auf der Überfahrt des Mittelmeeres, werden abgewiesen vor den Küsten Italiens und Griechenlandes. Die, die den Weg schaffen, landen in überfüllten Flüchtlingslagern und erhalten gerade mal das Nötigste zum Überleben. Und selbst wenn man dann eine Wohnung, ein Haus, einen Job, sich also ein Leben aufgebaut hat, kann man immer noch abgeschoben werden. Aber auch Antisemitismus, Islamophobie und der Rechtsextremismus sind seit 2015 gewachsen. Vor allem in Verbindung mit Demos der sogenannten Querdenker während der Coronapandemie werden holocaustleugnende und ausländerfeindliche Aussagen wieder häufiger. Und dort findet man auch Vertreter rechtsextremer Gruppierungen. Die Thematik, die „Mein Opa war bei der SS“ anspricht ist also heute noch genauso relevant wie zu Zeiten der „Flüchtlingskrise“ und wird es auch in Zukunft noch bleiben. Man muss nur immer wieder daran erinnern.

Die erste Deportation

Um die Jahrhundertwende war die jüdische Bevölkerung Siegens soweit gewachsen, dass 1904 eine Synagoge gebaut wurde. Gleichzeitig nahm seit Ende des 19. Jahrhunderts auch der Antisemitismus zu; die NSDAP konnte sich im Siegerland zur stärksten Partei entwickeln. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgten auch bald die ersten Boykotts jüdischer Geschäfte, jüdische Menschen wurden ihres Vermögens enteignet und die Synagoge in Flammen gesteckt. Die, die es konnten, wanderten aus. Dies schaffte aber nur ein kleiner Teil der damals in Siegen ansässigen Menschen jüdischen Glaubens. In den folgenden Monaten verloren jüdische Bürger zunehmend ihre Rechte, bis im Januar 1942 auf der Wannseekonferenz die Strategie zur „Lösung der Judenfrage“ festgelegt wurde: Menschen jüdischen Glaubens sollen verhaftet, zusammengetrieben und verschleppt und in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager gebracht werden. So sollte eine größtmögliche Todesrate sichergestellt werden. Ein erster Deportationszug dieser Art fuhr schon wenige Monate später, am 28.04.1942 am Gleis 4 des Siegener Bahnhofes ab. 41 jüdische Personen wurden kurz vorher informiert, dass sie sich am Morgen des 28. am Bahngleis vier einzufinden hatten, darunter auch ein Kind. Zur Mitnahme war ihnen nur ein Koffer von bis zu 30kg und eine Tasche erlaubt, den Rest mussten sie in ihren Häusern zurücklassen.  Mit dem Zug wurden sie zu einer Sammelstelle in Dortmund gebracht, von der aus sie mit den insgesamt 800 Juden aus Südwestfalen nach Zamosc weiter transportiert wurden. In Zamosc wurden sie auf die Vernichtungslager Belzec und Sobibor verteilt – von den 800 überlebte keine einzige Person. Danach sollten noch drei weitere Deportationen folgen: am 27. Juli in das Konzentrationslager Theresienstadt, am 27. Februar 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und schließlich am 29. September 1944 in ein Außenlager des KZ-Buchenwald in Kassel-Bettenhausen. Von den deportierten Personen überlebte nur ein Bruchteil, noch bis heute gibt es keine jüdische Gemeinde in Siegen mehr.

Mein Opa war bei der SS

2015 war ein Jahr in dem eine enorme Anzahl Geflüchteter in Deutschland ankamen. Empfangen wurden sie auf zweierlei Arten: Auf der einen Seite bildeten sich schnell Hilfsorganisationen und Nachbarschaftsvereine, die den Geflohenen die Ankunft erleichtern sollten. Auf der anderen Seite erstarkte auch der Teil Deutschlands, der fremdenfeindlich eingestellt war: Es gab Schmäh- und Verleumdungsnachrichten, den Geflohenen wurde mit Misstrauen und Abneigung begegnet. Die AfD bildete sich, als „Antwort“ auf den Zustrom fliehender Menschen. Flüchtlingsheime wurden angesteckt. In dieser turbulenten Zeit fühlte Thomas Kellner sich daran erinnert, was passieren kann, wenn man Fremdenfeindlichkeit zu weit gehen lässt und Hilfesuchende an der Tür abwehrt. Er nahm nun also das Motto „Kunstzeit“ des 7. Kunstages zum Anlass, sich der ersten Deportation jüdischer Siegener am 28. April 1942 zu beschäftigen; mit denen, die nicht mehr fliehen konnten. Bei seiner Installation hängte er Ensembles alter Klamotten, die zuvor gespendet wurden, mit Kleiderbügeln auf, sodass diese wie Geister der deportierten Menschen im Wind flatterten. Angesteckt hatten diese den berüchtigten gelben Stern, der Menschen zu Zeit der NS als Juden auszeichnen sollte. Die Atmosphäre der Installation wurde untermalt von den Betonwänden und Böden der Räumlichkeiten, sowie den Geräuschen von fahrenden und anhaltenden Zügen. So fühlte man sich wie zurückversetzt an diesen verhängnisvollen Tag, der für so viele den Anfang des Endes bedeutete. Aber nicht nur daran sollte erinnert werden. Der Titel der Installation „Mein Opa war bei der SS“ deutet auf einen Umstand hin, der gerne ein wenig zur Seite gekarrt wird: Ein Großteil unserer Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern hat sich nicht gegen das Regime und den Genozid von Millionen von Menschen gestellt. Vielleicht waren nicht alle Teil der SS, oder sonst aktiv beteiligt, aber machen lassen hat man die Nationalsozialisten allemal. Und damit ermahnt uns diese Installation, dass auch wir – sei es nun während der „Flüchtlingskrise“ in 2015 oder heute – in der Verantwortung stehen mit unserem Handeln dazu beizutragen, dass ein zweiter Holocaust unmöglich wird.

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