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Facades 2004

"Thomas Kellners künstlerisches Konzept ist einen eingefahrene Wahrnehmungs­weisen mit sehr unterschiedlichen fotografischen Mitteln zu irritieren und zur Disposi­tion zu stellen." Dr. Gerd Steinmüller, 28.Februar 2004

Einmischen in die Stadtlandschaft

Neuer Kunstverein Giessen
Thomas Kellner:  façades
28. Februar-17. April 2004

„Neuer Kunstverein Giessen“ präsentiert eine neue Arbeit von Thomas Kellner.
Thomas Kellner, Gastprofessor der Justus-Liebig Universität Gießen im Jahr 2003/2004, ist weltweit für seine Fotocollagen über Architektur bekannt. Erneut widmet er sich einem neuen Projekt über Urbanistik und dessen Wahrnehmung. Kellner verpackt die Fassaden des Ausstellungsgebäudes in einen Pixelschleier. Er bedeckt das Gebäude mit einem reduzierten Bild von sich selbst. Auf der einen Seite zerlegt er das Gebäude und auf der anderen Seite trägt er eine zweite, parallele Welt des Digital-Zeitalters in unsere unmittelbare Realität. Er baut so mit Hilfe von Pixeln ein neues Erscheinungsbild des Gebäudes zusammen. Wie in seinen anderen Projekten irritiert Kellner den Betrachter in seiner Wahrnehmung. Aus der Entfernung weckt zunächst nur die Größe des Gebäudes die Neugier. Kommt man jedoch näher, so entfernen sich die Fassaden von ihrer eigentlichen visuellen Identität. Die Fassade wird ein Bild, wird ein Pixel und das Gebäude scheint sich im Cyberspace zu verlieren. Teile des Gebäudes, wie das Dach, oder wie in anderen Sketches der Balkon, bleiben real und werden nicht abgedeckt. Bild und Gebäude, Pixel und Realität scheien gleichzeitig am gleichen Ort zu existieren.

NEUER KUNSTVEREIN GIESSEN e.V.
Ecke Licher Straße/Nahrungsberg
www.kunstverein-giessen.de 

Installationen

Bilder

Presse

Gießener Allgemeine:

Ein verhüllter Kiosk und ein neuer Blick auf Architektur

Auffällige Aktion: Der Neue Kunstverein Gießen präsentiert die aktuellste Arbeit von Thomas Kellner im ehemaligen Kiosk am alten Friedhof.

Die zweite Ausstellung des Neuen Kunstvereins Gießen (NKG) am neuen Ausstellungsort ist ein echter Hingucker. Der Künstler Thomas Kellner hat den einstigen Kiosk „Max hat’s“ am Alten Friedhof verhüllt. Nicht so spektakulär wie Christo mit weißen Planen und Schnüren, sondern der Umgebung angemessen farbig bedruckt und rundum an die Außenkante des vorstehenden Dachs gehängt. Das Ergebnis ähnelt dem Vorzelt eines Wohnwagens, es wird auch tatsächlich neuer Raum gewonnen. Zwischen dem denkmalgeschützten Gemäuer des Kiosks und der Verhüllung lässt sich gut stehen und schauen. Die Plane ist so transparent, dass draußen alles gut zu erkennen ist. Dr. Gerd Steinmüller,   NKG-Vorstandsmitglied   und Kunsthistoriker am Institut für Kunstpädago-gik, stellte bei der Ausstellungseröffnung am Samstagnachmittag den Künstler und seine Arbeit für Gießen vor.

Thomas Kellner (geb. 1966) beschäftigt sich seit Studientagen mit der Fotografie. Erste Experimente machte er mit der Lochkamera. Seine Abschlussarbeit über die deutsch-deutsche Grenze „Deutschland - Klick nach draußen“ bekam den Kodak-Förderpreis zugesprochen. Seit 1997 arbeitet er als freischaffender Fotograf. Er begann sein Projekt „Monumente“, bei dem er berühmte Gebäude fotografierte, in Einzelteile
zerlegte und neu zusammensetzte. Damit gewann er in den USA große Aufmerksamkeit und kann mittlerweile auf Ausstellungen und Ankäufe  renommierter  Ausstellungshäuser zurückblicken. Er hat keine Scheu vor den Manipulierungsmöglichkeiten, die die digitale Fotografie bietet. Im Gegenteil, er macht sie in seinen Arbeiten sichtbar, auch in dem jetzt in Gießen erstmals vorgestellten Projekt »facades«.

Das »farbig Bedruckte« auf dem Spezialstoff ist selbstverständlich nicht beliebig. Es ist Teil des Fotokonzepts, das Thomas Kellner (Siegen) in seinem Jahr als Gastprofessor am Institut für Kunstpädagogik der Gießener Universität (2003) erarbeitet hat. Das Dokumentationsbuch liegt im Kiosk aus und stellt bereits ein Kunstwerk an sich dar; auch wenn es bislang als solches gar nicht gedacht ist. Abgedruckt sind zahlreiche Gebäude und Ensembles im Gießener Stadtgebiet, die er fotografiert und digital bearbeitet hat. Dazu gehören ebenso historische Gebäude wie Architekturen aus der Nachkriegszeit.

Die den Künstler interessierende Architektur wurde am Computer grob aufgepixelt, das bedeutet: Sie ist von Rasterquadraten überzogen und dadurch leicht unscharf, aber immer noch erkennbar. Die direkte bauliche Umgebung blieb gestochen scharf, hingegen sind aÍIe Naturelemente wie Himmel und Pflanzengrün herausgenommen. Die Gebäude sind somit vom naturhaften Teil ihrer Umgebung „frei gestellt“. So entsteht ein eigenartiger Verfremdungseffekt, der die Aufmerksamkeit auf bestimmte, bislang so nicht oder überhaupt nicht wahrgenommene Elemente lenkt.

Dieses Verfahren hat er auch auf den Kunst-Kiosk angewendet. Dann wurde die relativ kleine Datei von einer Spezialfirma auf eine circa 80 Quadratmeter große Stofffläche aufgebracht. Die wiederum von einer anderen Spezialfirma zugeschnitten, bearbeitet und gehängt wurde. Alles in allem ein aufwändiges Verfahren, dessen Kosten der Künstler allein trägt! Im Ergebnis wirkt es wie impressionistische Malerei: je weiter weg der Betrachterstandpunkt, desto deutlicher ist das Abgebildete erkennbar. Gießen ist darüber hinaus der Ort der Entstehung und der Uraufführung von »facades«.  Man darf also ge-spannt sein, wo überall in der Welt künftig solche Fassadengestaltungen von Thomas Kellner noch auftauchen.

Ein gepixeltes Foto der Längsfront des Kunst-Kiosks ist in 30er Auflage, nummeriert und signiert, zu erwerben. Die Ausstellung ist bis 17. April zu sehen, am Sonntag den 13. März steht Thomas Kellner um 14 Uhr für ein Gespräch zur Verfügung. Der Kiosk selbst ist geöffnet Donnerstag von 15 bis 19 Uhr und Samstag von 11 bis 16 Uhr. Infos unter: www.kunstverein-giessen.de und www.tkellner.com.   

Dagmar Klein, Gießener Allgemeine, März 2003

 

 

Gießener Anzeiger

Gießens heimliches Wahrzeichen als Hingucker

Thomas Kellners Ausstellung „facades“ stellt bekannte und unbekannte Gießener Gebäude in ungewöhnlicher Optik vor

Er ist einer der bekanntesten und markantesten Punkte der Stadt Gießen, der ehemalige  Kiosk „Max hat’s". Seit einiger  Zeit gibt es hier allerdings keine  Zeitungen und auch kein Flaschenbier mehr zu kaufen. In das kleine  Gebäude ist die Kunst eingezogen, in Gestalt des „Neuen Kunstvereins Gießen". Im Rahmen der Ausstellung „facades" wurde das Ausstellungsgebäude kurzerhand zum Ausstellungsobjekt.

„Will man Thomas Kellners künstlerisches Konzept mit wenigen Worten beschreiben, so könnte man sagen, dass es ihm immer darum geht, eingefahrene Wahrnehmungsweisen mit sehr unterschiedlichen fotografischen Mitteln zu  irritieren und zur Disposition zu stellen",  beschrieb Gerd Steinmüller, akademischer Rat am Institut für Kunstpädagogik,  die Arbeit des Künstlers, der für die nächsten vier Wochen das Häuschen am Alten Friedhof eindrucksvoll verfremdet  hat.

Thomas Kellner, 1966 in Bonn geboren, studierte in Siegen Kunst- und Sozialwissenschaften. Internationale Aufmerksamkeit erregte er erstmals mit seinem Projekt „Deutschland - Blick nach draußen". Mit der Kamera reiste Kellner  1996 6000. Kilometer entlang der deutschen Grenze und dokumentierte jeden einzelnen Grenzübergang. Für diese Arbeit erhielt Kellner den Kodak-Nachwuchs-Förderpreis.
Im vergangenen Semester war der Künstler Inhaber der Gastprofessur Kunst am Institut für Kunstpädagogik der Gießener Universität. Im Rahmen dieses
Im Rahmen dieses Aufenthaltes entwickelte er das Konzept für die „facades". Ähnlich wie im Fernsehen, wenn dort Gesichter unkenntlich gemacht werden sollen, werden die digi-talisierten Fotos der Objekte reduziert und stark aufgepixelt. Im Maßstab 1:1 werden die Gebäude mit den Abbildungen ihrer Fassade verkleidet.
 
„Aus der Distanz gesehen erscheint die Architektur noch weitgehend intakt und nur geringfügig in sich verschoben. Nähert man sich dem Gebäude, so erscheint seine Fassade jedoch zunehmend in Auflösung  begriffen", so Steinmüller. Das Bild der Fassade wird auf seine Grundbestandteile, auf einzelne Pixel zurückgeführt. Für die Umsetzung der künstlerischen Idee im Maßstab 1:1 wurde von der Kölner Firma Viabild die nur 22 Kilobyte große Ausgangsdatei auf eine cirka 80 Quadratmeter große Plane gedruckt. Installiert wurde diese von der Firma Winkelmann aus Wiehl.
 
Im Ausstellungsraum in der Licher Straße sind die Abbildungen weiterer Gießener Gebäude, die in ähnlicher Weise bearbeitet wurden, zu sehen. In einer 30er Auflage schuf Thomas Kellner außerdem ein Blatt im Format 20x30 cm, das signiert und nummeriert zum Preis von 100 Euro erhältlich ist.

Die Arbeiten der Studierenden aus den Seminaren Kellners werden ebenfalls demnächst in Gießen zu sehen sein. Mit der Arbeit „Lebensräume - fotografische Einblicke" von Nikolina Guzvica startet die Reihe am 17. März um 18 Uhr in der Kanzlei Greilich, Hirschmann und Coll.

Klaus-J. Frahm, Gießner Anzeiger, März 2004

 

Siegener Zeitung

Architektur und ihre Bilder
Thomas Kellner in DGPh aufgenommen / Vom Foto zur Installation

gmz Siegen. Seit kurzem gehört der in Siegen arbeitende Fotograf Thomas Kellner ganz offiziell zu den mehr als 1000 Fotografen, die als »verdiente Persönlichkeiten der deutschen und internationalen Fotoszene« »das Ansehen der Photographie in der Öffentlichkeit« fördern und sich dabei um die Photografie verdient machen: Thomas Kellner wurde nämlich in die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) berufen, aufgrund einer Empfehlung von zwei Vorstandsmitgliedern.
Die renommierte Organisation, die u. a. den bekannten Dr.-Erich-Salomon-Preis für hervorragende Anwendung der Photographie in der Publizistik vergibt (zu den bekanntesten Preisträgern der letzten Jahre gehören beispielsweise Barbara Klemm, Robert Lebeck, René Burri oder Herlinde Koebl), erkennt damit den künstlerischen Ansatz von Thomas Kellner auch formal an, zu einem Zeitpunkt, da sich auch das internationale Interesse an seinen Arbeiten immer stärker festigt. So zeigt er beispielsweise derzeit im amerikanischen Houston, dem Ort des International Houston Foto Festival, eine Auswahl seiner Arbeiten, mit denen ihm beim letzten Festival die Aufnahme in den Rang der zehn interessantesten »Neuentdeckungen« gelang. Er gilt als eine von fünf der bemerkenswertesten Entdeckungen des 1986 ins Leben gerufenen Festivals überhaupt, wie es in einem Resümee zum diesjährigen Festival und seinen Ausstellungen heißt. Mit diesen Arbeiten, die ihn bekannt gemacht haben, die »Kontaktabzüge« der meist fotografierten Sehenswürdigkeiten der Metropolen in aller Welt, wird Thomas Kellner auch weitermachen. Er wird weiter die Monumente zum Tanzen bringen, sie in ihrer Komplexität und Vielgestaltigkeit darlegen, nach ihren Strukturen und Wirkungen fragen. Er wird dabei gleichzeitig die Frage stellen, was man eigentlich sieht, wenn man nur den »Monumentalwert« anzusehen bereit ist, wird fragen, was noch bleibt vom ursprünglichen Gehalt der Gebäude, wenn sie auf ihren »optischen Erlebniswert« reduziert sind. Geplant sind beispielsweise Aufnahmen in Saarbrücken, im Norden Englands, in Brasilia und auch in Houston.
Thomas Kellner treibt seine Frage nach dem medialen Blick auf die Stadtlandschaft, auf die Umwelt aber noch weiter – wie in der Installation, die noch bis 17. April in Gießen zu sehen ist (geöffnet ist der Kunstverein in der Licher Straße samstags von 11 bis 16 Uhr, donnerstags von 15 bis 19 Uhr, die Installation ist auch außerhalb der Öffnungszeiten zu sehen). Er hat dort, auf Einladung des Neuen Gießener Kunstvereins, das Kunstvereins-Gebäude, den ehemaligen Kiosk mit dem griffigen Namen »Max hat’s«, in ein Kunstwerk verwandelt. Da der Ausstellungsraum von gut acht Quadratmetern für seine Fotokunst schlicht zu klein ist, hat er kurzerhand das »Bild« nach außen verlagert und den Kiosk mit einer Aufnahme seiner selbst »eingehüllt«. Diese Aufnahme allerdings hat Thomas Kellner auf die Bausteine der modernen Medienwelt, die (natürlich stark vergrößerten) Pixel reduziert, die nur eine Ahnung der eigentlichen Architektur zulassen. Steht man in dieser »Hülle« – anders als Christo lässt Kellner bei seiner Umhüllung den Weg nach innen offen – nimmt man die Außenwelt durch den Filter des mit dem Gebäudebild bedruckten Netzes wahr: Verändert auch sie!
Er schafft somit eine interessante Parallele zur soziologisch-ökonomisch wahrnehmbaren Veränderung »der Welt«, die sich immer weniger auf die mit Händen greifbare Arbeit zu gründen scheint, dafür mehr und mehr auf Digitalisierung und medialer Verwandlung basiert. Er hält dem Gebäude einen Spiegel vor, der zur eigentlichen Fassade wird – »Facades« heißt diese Arbeit auch. Damit hat er die logische Weiterentwicklung seines künstlerischen Ansatzes begonnen (weitere Umhüllungen sind in Arbeit), der nach der Gültigkeit des fotografischen Abbildes der Realität fragt. Was ist real: das Bild, das man sieht, oder das Bild, das man macht?
Siegener Zeitung, 10.April 2004

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