Krah, Silke

Silke Krah, Siegen

1969              Geboren in Kirchen
1988-1992     Studium Kunst und Theologie für das Lehramt an der Universität Siegen
1992-1996     Dozentin der Musik- und Malschule Villa Sauer
1996 bis dato Dozentin an der Jugendkunstschule Siegen
2007-2009     Dozentin der Schule für Bildende Kunst

Silke Krah: Sex Makes the World Go Round, New York Arts Magazine Vol.12 no. 1/2

In und mit meiner Kunst berühre ich immer wieder sensible, tabuisierte Themen, indem ich mich sehr gesellschaftskritischer Formen des künstlerischen Diskurses bediene. So setze ich mich mit gesellschaftlichen Strukturen wie der Familie auseinander; die vermeintliche Idylle der Kleinfamilie - Vater, Mutter, Kind, Haus, Auto - entpuppt sich als ein Raum, in dem sich tiefgreifende persönliche Störungen festsetzen.
Eine andere Form des kritischen Diskurses konzentriert sich auf den zunehmenden Egozentrismus individualistischer westlicher Gesellschaften, in denen die Kehrseite der ursprünglich positiven Selbstverwirklichung des Einzelnen zu persönlicher Entfremdung führen kann, die sich wiederum in Machtspielen, Verlogenheit und Doppelmoral niederschlägt. Meine Arbeiten thematisieren auch Gewalt und Ohnmacht, sexuellen Missbrauch oder die Faszination von Waffen, deren Besitz und dessen Folgen.

Sexualität, Erotik und Pornografie sind ein weiteres Themenfeld, das mich interessiert. Sex durchdringt unseren Alltag, ob offenkundig oder geschickt versteckt - und doch bleibt Sexualität ein Teil menschlicher Beziehungen, über den nicht offen gesprochen wird, sondern der in der Werbung und der schmutzigen Welt der Pornografie aggressiv ausgenutzt wird.Indem ich Themen aus dem Bereich der Sexualität und Erotik in Medien und Präsentationsformen übertrage, die nicht sexuell aufgeladen sind (oder künstlich davor bewahrt werden, durch Sexualität "verdorben" zu werden - wie z.B. das Sticken, wie es von tugendhaften Hausfrauen praktiziert wird, oder Kinderspielzeug), verunsichere ich die Sehgewohnheiten des durchschnittlichen Kunstkonsumenten.

Meine Werke "sexy things" (Stickerei, in Erinnerung an meine Großmutter), "come on play with me" (Play Mobil-Figuren) und andere Werke wie "zottelbär-zottelbär" (pornografische Zeichnungen kombiniert mit Gedichten aus einem deutschen Kinderbuch) sind wirklich provokant. Häufig sind die Betrachter beim ersten Kontakt mit den Exponaten schockiert, verwirrt oder peinlich berührt; nur wenige lächeln, sind aber dennoch sichtlich verunsichert.
Oberflächlich betrachtet können meine Werke als Einladung zum Voyeurismus betrachtet werden, aber hinter dieser Oberfläche wartet eine Form von Poesie darauf, entdeckt zu werden, die zwar grob und unbeholfen sein mag, aber letztlich für jeden offen ist; tatsächlich lässt ihre Trivialität die Anmut und Zärtlichkeit dieser Werke durchscheinen.

"Sexy things" ist von Fotografien aus Erotik- und Pornomagazinen inspiriert, 1 die mit einer Nadel gestickte Zeichnungen anfertigen. Die Modelle bleiben anonym, und die Bildausschnitte sind so gewählt, dass so wenig wie möglich von ihren Gesichtern zu sehen ist.

Das Sticken ist ein altmodisches und konservatives Handwerk, das ich - wie viele andere Fertigkeiten, wie Häkeln, Stricken, Nähen und Binden - als Kind von meiner Großmutter gelernt habe. Die Idee, großmütterliche Hausarbeit mit erotischen Motiven zu verbinden, fasziniert mich.

In "Come on play with me" findet sich die titelgebende Phrase in der Werbung für Play Mobil Kinderspielzeug und überraschenderweise auch in Texten aus Pornoheften wieder. Die Kindheit wurde jahrzehntelang von der süßen, kleinen, "heilen" Welt des Play Mobils begleitet. In dieser Arbeit habe ich die beweglichen Figuren ausgezogen und durch aufgemalte erotische Dessous zu Spielzeugen für Erwachsene umgestaltet; als solche sind sie immer noch zum Spielen gedacht. So entstehen Orgien und andere intime und bedrohliche Szenarien, die in der Phantasie des Betrachters real werden. Ich verfolge solche Formen der Konfrontation auf spielerische, humorvolle und weniger drastische Weise als etwa der von mir sehr geschätzte Performance-Künstler Paul McCarthy, der die Kunst des Aufdeckens gesellschaftlicher Missstände gnadenlos beherrscht, aber dennoch genauso beharrlich.

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