Moderne Kunst und zeitgenössische FotografieVeröffentlichungen

Deutschland – Blick nach draußen

title: Blick nach Draußen

editor (Herausgeber): Thomas Kellner

authors (Autoren): Prof. Dr. Hubertus von Amenlunxen, Dr. Markus Hellenthal

artists (Künstler): Thomas Kellner

format: 26,5×17cm | 10,6×6,7inches, 89 pages, softcover

languages (Sprachen): German, English / German, French

publisher (Verlag): Verlag mrd A. Pfeifer + O Homrich gbr

ISBN N.N.

published (year): 1998

edition (Auflage): 300/200

price: sold out

In seiner Serie Deutschland-Grenzgänge oder Blick nach Draußen aus dem Jahr 1996, gibt uns Thomas Kellner anhand einer selbstgebauten Lochkamera, eine neue Perspektive auf die geografischen Grenzen Deutschlands. Mit Unterstützung von Dr. Markus Hellenthal, dem Leiter des Bereichs Grenzpolizei und Luftsicherheit im Bundesministerium des Inneren, gelang es dem Künstler einen Blick nach Draußen, über die Grenze und in das Nachbarland zu gewinnen. Durch die Verwendung einer Lochkamera entsteht der Eindruck man würde durch ein Schlüsselloch über die Grenzen Deutschlands hinweg schauen.

 

„Wenn wir über Grenzen treten, erschließen wir uns einen neuen Erfahrungsschatz. Zugleich schärfen sie den Blick für Veränderungen. Grenzen zeigen uns einerseits unsere eigene Begrenztheit auf, eröffnen uns aber zugleich auch ungeahnte Möglichkeiten. Wenn wir uns öffnen, eröffnen uns Grenzen die Freiheit zur Entscheidung. Dies offenbaren die Grenz-Bilder von Thomas Kellner […]" Dr. Markus Hellenthal: Veränderungsstrategien am Beispiel von Grenzkontrollen Überlegungen zur Arbeit von Thomas Kellner: Deutschland -Grenzgänge In: "Thomas Kellner, "Deutschland - Blick nach Draußen", 1998

 

Die Entstehung des Bildes einer Lochkamera, zeichnet sich durch die Begrenzung des Loches aus. Ähnlich ist auch Deutschland durch seine Grenzen bestimmt. Auf seiner Reise durch die Republik nähert sich Kellner diesen Grenzen und unserer eigenen Begrenztheit an, und macht uns deren Existenz bewusst. Denn besonders heutzutage, in Zeiten der Globalisierung, ist es schwer vorstellbar, dass diese real existent sind.

Renner, E. and Spencer, N., 2014. Poetics of Light, Contemporary Pinhole Photography. New Mexico: NM Museum of History   >>>

Brudna, D., 1998. 1996/1. Thomas Kellner. In: Kodak Nachwuchs Förderpreis 1995-1998. Hamburg: Photonews-Verlag Hamburg. pp. 24-27.
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Combes, F., 1998. Fuck off. Paris: Le Temp des Cerises. p. 71. >>>

Renner, E. and Spencer, N., 1997. Pinhole Journal Vol.13#2. San Lorenzo: Pinhole Resource, pp. 6-7. >>>

Gerwers, T., 1997. Deutschland – Grenzgänge. Thomas Kellner. Profifoto, Nr. 1 / Jan./Feb. 97, pp. 60-63. >>>

Kellner, T. 1997. Deutschland. Grenzgänge. In: Bundesgrenzschutz. Polizei des Bundes, vol. 1/2#24, 1997, pp. 34-35.  >>>

Vielen Dank an Axel Pfeifer und Oliver Hombrich für das Sponsoring meines ersten Katalogs und an Sandra Furák und Anne-Kathrein Berger für die wunderbare Gestaltung sowie an Dr. Hubertus von Amelunxen und Dr. Markus Hellenthal für ihre Essays.

Dr. Markus Hellenthal: Borders - Windows onto Freedom: Border controls as an example of strategies of change Thomas Kellner's Deutschland – Grenzgänge in: "Thomas Kellner: Deutschland – Blick nach Draussen", 1998

 Kellner, T., Hellenthal, M., von Amelunxen, H., 1998. Deutschland. Blick nach Draußen. Siegen: Verlag mrd. A. Pfeifer + O. Homrich gbr

Grenzen sind Fenster zur Freiheit, denn sie fördern die Selbsterkenntnis. Ein altes deutsches Sprichwort sagt: Reisen macht den Kopf frei. Wenn wir eine Grenze überschreiten, erschließen wir uns ein neues Erfahrungsfeld. Zugleich schärfen Grenzen unser Bewusstsein für Veränderungen. Einerseits konfrontieren sie uns mit unserer eigenen Begrenztheit, andererseits eröffnen sie uns ungeahnte Möglichkeiten. Wenn wir offen bleiben, geben uns Grenzen die Freiheit zu entscheiden. Das zeigen nicht nur die Grenzbilder von Thomas Kellner, sondern auch die Tatsache, dass die Funktion und der Umgang mit Grenzkontrollen ein so gutes Beispiel für das Bemühen um einen schlanken Staat sein kann. Als Bürgerinnen und Bürger haben wir das Recht zu erwarten, dass der Staat die Aufgaben, die wir von ihm verlangen und bezahlen, so effektiv und wirtschaftlich wie möglich erfüllt.

Die Entstehungsgeschichte der Arbeit

1996 trat Thomas Kellner in meiner damaligen Funktion als Leiter der Abteilung für Grenzschutz und Luftsicherheit im Bundesministerium des Innern an mich heran und erläuterte mir sein Projekt. Meine Begeisterung war sofort da. Die Idee, mit Hilfe einer selbstgebauten Lochkamera ein komplettes Panorama der deutschen Grenzlinien zu erstellen, war auch in meinen Augen eine positive Herausforderung.

Dass diese Idee auf fruchtbaren Boden fiel, hatte damit zu tun, dass sich mit dem Beginn grundlegender Veränderungen auf innerdeutscher, europäischer und internationaler Ebene nicht nur Deutschland, sondern auch seine Grenzbehörden und deren Mitarbeiter in einem Prozess der Neudefinition befanden. Wir hatten gerade begonnen, eine Optimierungsstrategie für den Bundesgrenzschutz im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen der inneren Sicherheit und die Ziele eines schlanken Staates zu entwickeln.

Meine Erwartung an die Arbeit von Thomas Kellner war, dass die künstlerischen Produkte seiner Exkursion durch Deutschland uns in diesem Prozess Denkanstöße und Unterstützung geben würden.

Gedanken zum Ergebnis des Projekts

Die Ergebnisse von Thomas Kellners Unternehmung haben meine Erwartungen erfüllt. Seine Arbeit zeichnet sich nicht nur durch die zunächst seltsam anmutenden Fotografien aus, die sich so sehr von alltäglichen Urlaubsfotos unterscheiden. Es hebt sich auch von der Gleichförmigkeit der Bilder ab, die die Medien täglich, stündlich, minütlich produzieren. Für mich liegt die Besonderheit in der offensichtlichen Zweideutigkeit zwischen der Geschichte, die Kellner uns erzählen möchte, und der nur scheinbar einfachen Technik der selbstgebauten Lochkamera, mit der wir wahrscheinlich alle einmal im Physikunterricht das Prinzip der Fotografie kennen gelernt haben.

Bei der Lochkamera sind es nicht das Objektiv und ein ausgeklügelter, computergestützter elektronischer Verschluss, die das Bild bestimmen. Die grundlegende kreative Rolle spielt die Lochblende und ihre eigenen engen Grenzen. Die Künstlerin interessiert sich offensichtlich sowohl für den Blick auf Deutschland aus der Sicht seiner Grenzen als auch für die beschränkte Technik des Apparates, mit dem diese Grenzbilder entstehen. Das Bild und die wahrgenommene Realität gehen eine fast ideale Symbiose ein.

Durch den Verzicht auf jegliche Manipulation eröffnet der Künstler ein neues und breiteres Feld für unsere ansonsten subjektive Wahrnehmung der Wirklichkeit. Dieses neue Erkenntnisfeld erlaubt es uns, ursprüngliche Eindrücke von der Wirklichkeit zu sammeln und neu zu interpretieren. Und so wie sich die Wirklichkeit verändert hat und ständig verändert, auch wenn wir es selbst nicht bemerken oder bemerken wollen, helfen uns die Bilder, uns in der Kopie der Wirklichkeit neu zu entdecken.

In diesem Sinne betrachte ich die Bilder dieses Künstlers als eine Aufforderung an uns, innezuhalten, wahrzunehmen, zu messen und uns neu zu finden, bevor wir unseren Weg fortsetzen. Wenn der Weg das Ziel ist und alles im Fluss ist, dann verlieren wir uns, wenn wir uns nicht mitbewegen. Insofern ist Stillstand nicht nur rückwärtsgewandt, sondern kommt einer Selbstaufgabe gleich. In einer sich ständig bewegenden Welt ist die Kunst vielleicht das einzige, was uns Orientierungspunkte bieten kann.

 

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