Rezension Freddy Langers Fotobuch

Rezension zu Freddy Langer: „Harte Blicke, stille Städte und ein Fotograf, der zur Rakete wird“

Freddy Langer: Vier Jahrzehnte Fotobuchrezension

Freddy Langer dokumentiert seit dem 9. Dezember 1980 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Entwicklung des Fotobuchs und bietet damit eine einzigartige, vier Jahrzehnte umfassende Retrospektive. Seine Rezensionen erfassen ein Medium, das visuelle Eindrücke und Textpassagen verbindet und in einen kontextuellen Rahmen stellt. Langers fortlaufende Beschäftigung mit Fotobüchern schafft so ein vielschichtiges Kunstkonzept, das in Buchform gebündelt und gleichzeitig im Zeitgeist sowie in den kunsthistorischen Diskurs eingebettet ist. Seine Arbeit ordnet das Fotobuch als künstlerisches und kulturelles Objekt und reflektiert dessen Relevanz aus der Perspektive der zeitgenössischen Kunstgeschichte.

Die Publikation umfasst 351 Seiten ist beim Steidl-Verlag veröffentlicht und repräsentiert von Langer aus seinen seit 1980 zahlreichen Veröffentlichungen 133 Künstler und Künstlerinnen, , um einen diversen Querschnitt der Fotobuchszene hinsichtlich des zeitlichen Wandels abzustecken. Dabei entsteht eine Perspektive, die sowohl sehr bekannte Kunstschaffende als auch im Kunstkanon weniger etablierte Fotografen und Fotografinnen Raum bietet, um Positionen zu repräsentieren, die losgelöst von den Personen sind und zudem unter anderen Perspektiven das Fotobuch intersektionale Benachteiligungen ausschließt.

Langers Blick zeichnet sich durch langjährige Auseinandersetzung mit der Materie und ein großen Bildgedächtnis aus, geprägt ist der Blick als Student der Amerikanistik, Film und Fernsehwissenschaften, der ihn auf das vielfältige Medium der Fotografie sensibilisiert. Langer begann früh zu Sammeln bereits als Student erwarb er Fotografien, die sich später auf die Street Fotografie fest lag.

Martin Parr in der Geschichte der Fotobücher

Neben den Rezeptionen wird die Publikation durch das Vorwort von Martin Parr kontextualisiert, der eine Perspektive auf die Entwicklung der Wichtigkeit der Fotobücher skizziert und sie e als eigens Werk definiert. Parr stellt Fotobücher als festen Bestandteil  dar, die aus Ausstellungkonzeptionen nicht mehr wegzudenken seien. Fotobücher  ermöglichen es, durch die verschiedenen Werke, die sie präsentieren, ein Portfolio zu erstellen, das die Werke im Buch in eine Kommunikation treten lassen und diese sich Gegenseitig bestärken . Parr, geboren am 23. Mai 1952 und bekannt als britischer Dokumentarfotograf, ist eine zentrale Figur, die das Fotobuch in den künstlerischen Diskurs gehoben hat. Zusammen mit Gerry Badger setzte er mit der Reihe The Photobook: A History, die das erst emal im Jahr 2004 publiziert wurde Maßstäbe und trug zum Boom des Fotobuchs bei. Ihre Werke bieten eine umfassende Darstellung der weltweiten Fotobuchszene, von Europa bis hin zu Asien und Afrika, und zeugen von einer reichen fotografischen Vielfalt. Das Fotobuch definiert sich als eigenständiges künstlerisches Medium und seien aus Retrospektiven nicht mehr weg zu denken. 

Die Publikation wird zudem durch ein Interview mit Freddy Langer aus dem Jahr 2017 ergänzt, das in einer gekürzten Fassung in der Zeitschrift „Fotogeschichte“ erschienen ist. Dieses Interview gewährt Einblicke in Langers Biografie und seine künstlerischen Ansichten.

Markus Schaden PhotoBookMuseum

Das Fotobuch erfährt zunehmend institutionelle Anerkennung und Stärkung, insbesondere durch die Initiative des Kurators, Buchhändlers und Verlegers Markus Schaden, der 2014 in Köln das PhotoBookMuseum eröffnete. Dieses Museum verfolgt ein europaweit einzigartiges Konzept, das sich ausschließlich dem Fotobuch widmet und dabei Schnittstellen zwischen Fotografie, Literatur und wissenschaftlicher Auseinandersetzung beleuchtet. Auf diese Weise gewinnt das Fotobuch nicht nur auf rezeptioneller Ebene an Bedeutung, sondern wird auch durch institutionelle Rahmenbedingungen weiter gestärkt. In diesem Kontext reiht sich die Publikation Harte Blicke, stille Städte und ein Fotograf, der zur Rakete wird in die sich kontinuierlich weiterentwickelnde Geschichte des Fotobuchs ein.

Der Steidl-Verlag

Die Publikation ist maßgeblich durch den Einfluss des Steidl-Verlags geprägt, dessen Gründer Gerhard Steidl, geboren 1950 in Göttingen, im Jahr 2024 für seine verlegerische Tätigkeit mit dem Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) ausgezeichnet wurde. Bereits seit 1994 widmete sich Steidl einem eigenen Fotobuchprogramm dem Fotobuch und hat somit in der Entstehungsgeschichte, beinah Hierdurch entsteht eine Kooperation zwischen Verlag und Kunstschaffenden, die das gedruckte Medium der Fotografie als zusätzliche Vermittlungsinstanz begreift und so eine tiefere Verbindung schafft. Dazu gehören Es versammelt viele der renommiertesten zeitgenössischen Fotografen und Künstler, darunter Joel Sternfeld, Bruce Davidson, Robert Frank, Robert Adams .Diese Verbindung eröffnet neue Dimensionen der Rezeption und intensiviert den Dialog zwischen fotografischem Werk und Buchgestaltung auf wissenschaftlicher und ästhetischer Ebene.

Thomas Kellner in Freddy Langers Rezensionen

Innerhalb der von Langer verfassten Rezensionen findet auch der in Bonn geborene und heute in Siegen ansässige renommierte Fotokünstler Thomas Kellner Raum. Kellner ist vor allem für seine scheinbar tanzende Architektur bekannt, die er durch seine Technik aus Kontaktbögen schafft. Die Werke brechen mit den Sehgewohnheiten hinsichtlich von Architektur, die stark in unserem visuellen Gedächtnis verankert ist, und erzeugen eine längere Verweildauer beim Betrachter. Kellner hat an der Universität Siegen Kunst sowie Soziologie, Politik und Wirtschaft studiert. Im Jahr 1996 erhielt er den Kodak Nachwuchs-Förderpreis, der ihn veranlasste, seinen künstlerischen Weg weiter zu verfolgen

Langer setzt sich in seiner Analyse des Fotobuchs Thomas Kellner – Black & White 1997–2005 (erschienen 2016, 104 Seiten) vertieft mit Kellners Technik und künstlerischen Intentionen auseinander. Insbesondere ikonische Motive wie der Eiffelturm dienen ihm als Ausgangspunkt, um die spezifische Dynamik und ästhetische Vielschichtigkeit in Kellners Werk zu beleuchten. Die ausgeprägte Momenthaftigkeit, die gleichzeitige Dekonstruktion und Konstruktion,  der Bauwerke interpretiert Langer als visuelle Fragmentierung, die eine neue Form der Bewegung suggeriert. Er zieht zudem Verbindungen zur Architektur von Daniel Libeskind, dessen Bauwerke ebenfalls eine energetische Dynamik aufweisen, die, ähnlich wie bei Kellners Fotografien, konventionelle Strukturen hinterfragt und einen modernen Ansatz zur Rezeption architektonischer Objekte offenlegt. Neben der Kontextualisierung zur Architektur findet auch eine Verbindung zur Musik statt, da Langer schildert, als könne es sich um eine Melodie handeln. Auf diese Weise integriert er Kellners Werke in einen Diskurs, der die Fotografie auf sektorale Weise erfasst.

Die Publikation Thomas Kellner – Black & White 1997–2005 vereint nicht nur die fotografischen Werke des in Siegen ansässigen Künstlers Thomas Kellner, sondern auch kritische Essays von Harris Fogel, die Kellners Arbeit in gegenwärtige Diskurse einordnen. Fogel diskutiert dabei die konzeptionellen Ansätze und visuellen Strategien, die Kellners fotografische Praxis auszeichnen. Neben den Textbeiträgen prägt die Gestaltung der Publikation maßgeblich die Rezeption der Werke. Für das Layout zeichnet sich der Grafiker und Mediengestalter Marc Babenschneider verantwortlich, der Jahrgang 1971 ist und auf eine langjährige Berufserfahrung zurückblickt. Nach einer fundierten Ausbildung zum Schriftsetzer und Mediengestalter leitete Babenschneider über 15 Jahre ein eigenes Grafikbüro, das sich auf Projekte für regionale Unternehmen, kulturelle Einrichtungen und Künstler spezialisierte. Zu seinen Auftraggebern zählte auch Thomas Kellner, für den er über die Jahre zahlreiche Publikationen grafisch konzeptionierte und gestaltete. Seit 2019 ist Babenschneider als Grafikdesigner bei PSV NEO in Siegen tätig, wo er weiterhin als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Siegerländer Künstlerinnen und Künstler e.V. auch seine eigene künstlerische Praxis, insbesondere im Bereich der abstrakten informellen Malerei, vertieft. 

Kellner und Oliver Seltman

Die Produktion und Herausgabe von Kellners Fotobüchern erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Verlag seltmann+söhne, der von Oliver Seltman geführt wird. Seltman ist nicht nur Typograf und Art Director, sondern stammt aus einer Familie mit langjähriger Tradition im Bereich Druck und Lithografie. Die Familiengeschichte, spiegelt sich im handwerklichen Ethos des Verlages wider, den Seltman 2004 mit dem Anspruch gründete, Kunst- und Fotobücher auf höchstem Qualitätsniveau zu publizieren. Seit 2008 hat sich seltmann+söhne als internationaler Verlag für Fotografie und Kunst etabliert.

Das Langer sich bereits vermehrt mit Kellner auseinandergesetzt hat ablesen. Bereits in seinem Artikel Dein Haus ist mein Spielzeug vom 29. Juni 2021 widmete sich Langer Kellners Neuinterpretation der sogenannten Becher-Häuser. Diese Serie wurde im Auftrag des Museums für Gegenwartskunst erstellt und setzt sich mit der dokumentarischen Tradition der Becher-Schule auseinander, die Kellner durch eine neuartige, Inszenierung der Gebäude transformiert. Langer hebt hervor, dass die Häuser durch Kellners Methode der und isoliert wirken. Es wird beschrieben, wie die Bauten in einer Umgebung zu schweben scheinen, was ihre Einbettung in den realen städtischen Raum infrage stellt und zugleich auf poetische Weise dekonstruiert.

Fazit

Somit zeigt sich, dass Langer und Kellner bereits mehrfach auf einer rezeptionellen Ebene in Kontakt getreten sind. Langer hat dabei neue Perspektiven und Kontextualisierungen eröffnet. In seiner Rezension Harte Blicke, stille Städte und ein Fotograf, der zur Rakete wird wird Kellner in einen Dialog mit anderen Künstlerinnen und Künstlern eingebettet, wodurch seine Werke in einem erweiterten Kontext betrachtet werden.

Künstler und Künstlerinnen in Harte Blicke, stille Städte und ein Fotograf, der zur Rakete wird

Stefan Moses, Albert Renger-Patzsch, John Harding, Jacques-Henri Lartigue, Robert Mapplethorpe, Bernd and Hilla Becher, Allen Ginsberg, Ernst Haas, Cindy Sherman, André Kertész, Steven Meisel, Richard Avedon, Ansel Adams Horst Hamann, Erwin Blumenfeld, Joel Sternfeld, Pierre and Gilles, Will McBride, Alfred Stieglitz'Zeitschrift, Ray K. Metzker, 66 Berenice Abbott, Martin Pudenz, Seiichi Furuya, Robert Häusser, Robert Capa, John Deakin, Anton Corbijn, Scheppe Böhm Associates, John Ganis, Diane Arbuis, Daniel Biskp, Michael Martin, Larry Sultan, Moi Ver, Francois and Jean Robert, David Goldblatt, Robert Adams, Alec Soth, Robert Doismeau, Robert Flynn Johnson, Roger Ballen, Axel Hütte, David LaChapelle, Steve McCurry, Olaf Otto Becker, Jim Rakete, Obvious and Ordinary, Dirk Reinartz, Robert Frank, Gregory Crewdson, Stephen Shore, Ken Schles, Saul Leiter, Andre Lützen, Guy Tillim, Daido Moriyama, Anthony Hernandez, Eugene Richard, Atta Kim, Thomas Wrede, Gabriele and Helmut Northhelfer, Babara Klemm, Helmut Newton, Lukas Felzmann, Allision Davies, Cuny Janssen, Jan Banning , Michael Wolf, Karsten Kronas , Lewis Baltz , Michael Reisch , Pieter Hugo , Die Ausstellung, Stephan Kaluzza, Annie Leibovitz, Abe Frajndlich, Michael Najjar , Christian Patterson, Claus Burry, Corinne Rusch , Shoemi Tomatsu, Jeanloup Sieff, Enrique Metinides, Benjamin Katz , Rosemarie Zens , Anders Petersen, Gordon parks , Philip-Lorca diCorcia, Elliot Erwitt, Todd Hido, Ute and Werner Mahler, Pepa Hristova, Danila Tkachenko, Ulrike Crespo, Robert Voit , Peter Lindbergh, Detlef Orlopp, Pietro Donzelli, Katy Grannan, Max Regenberg, Andy Warhol, Nadav Kander , Thomas Kellner, Volker Hinz , Martin Schreiber, Maximilian Stejskal, Sandro Miller, Martin Parr, Klaus Pichler, Louis Faurter, Miron Zownir, Arbus, Friedlander, Winogrand, Helen Levitt, Peter Bialobrzeski, Wim Wenders, Ken Hermann, Stefanie Moshammer, Michael Lange, Le Friedlander, Michael Ruetz, Wolfgang Strassl, Sebastio Salgaldo, Ulrich Wüst, Anastasia Samoylova, Roger Melis, Benita Suchodrev, Gilles Peress, Nick Meyer, Gulnara Samoilova, Boris Becker, Ann-Christine Wöhrl, Mitch Epstein, William Eggleston.

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