Fotobuch, Fotobücher, Fotokünstler

2020: Der Grand Canyon

Thomas Kellner – The Big Picture

Viele Jahre beschäftigte sich der Fotokünstler  mit Architekturen und Sehenswürdigkeiten aus aller Welt, doch in dieser im Sommer 2014 entstandenen Arbeit, wendet er sich einem der atemberaubendsten Landschaftsmotive dieser Erde zu: dem Grand Canyon.

Kellner fotografiert den Bildgegenstand aus mehreren Perspektiven und zerlegt ihn somit in seine Einzelteile. Anschließend setzt er die Kontaktaufnahmen in Originalgröße zu einer Gesamtkomposition zusammen. Seit 1997 nutzt er ausschließlich die Abzüge der Kontaktbogen für seine höchst individuellen Kompositionen. Das Erkennungsmerkmal dieser Montagetechnik sind die horizontal verlaufenden Schwarzstreifen zwischen den einzelnen Bilderreihen, welche die fortlaufende Nummerierung des Negativs darstellen. Aus der Anzahl der beim Entstehungsprozess verwendeten Filme leitet sich also auch die Bilddimension her, da es sich um eine Collage mit 1:1 Kontaktabzügen handelt.

The Big Picture besteht aus 60 Filmen á 36 Aufnahmen, demnach aus 2160 hintereinander aufgenommenen Bildern. Das Werk trotzt nur so von braunen, roten und grünen Farbelementen der Gesteine des Grand Canyons und bietet dadurch einen überwältigenden Anblick. Aus der Nähe betrachtet, zeigt es die Landschaft des Grand Canyon im Detail und etwas ferner betrachtet ergeben die Detailaufnahmen ein zusammenhängendes Panorama.

Der Siegener Fotokünstler überträgt die internationale Strömung des Dekonstruktivismus von der Architektur in die Fotografie, indem er Bauwerke, Menschen und Landschaften fotografiert, sie zersplittert und anschließend in ein heterogenes Formenkonglomerat zusammenfügt. Bei der Aufnahme des Grand Canyons verzichtet er allerdings auf den spielerischen Eingriff in der Zusammensetzung der Einzelteile. Kellner bildet diese unglaubliche Landschaft ab wie sie ist und lässt sie für sich selbst sprechen.

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The Big Picture

Mehr Information über das Grand Canyon Panorama Fotobuch

HerausgeberOliver Seltmann
AutorFreddy Langer
FotografThomas Kellner
Format24,5 x 30,5 cm
Seiten26 Seiten
SpracheEnglisch / Deutsch
ISBN9783946688969
Erscheinungsdatum15. Oktober 2020
Englische Edition200
Deutsche Edition300
Preis49,90 Euro
Sondereditionmit Bild, nummeriert und signiert 90 Euro

Einblicke in Freddy Langers Essay

"Die Armen. Da standen sie vor einer Schlucht, von der es später heißen würde, es sei der schönste Fleck der Erde. Großartig. Gewaltig. Umwerfend. Aber ihnen war dieser tiefe Riss quer durch die Landschaft einfach nur im Weg, als sie 1540 als erste Weiße vor den Abgründen des Grand Canyon standen. Nichts lag der kleinen Gruppe spanischer Eroberer ferner, als sich dem Genuss der Natur hinzugeben. Sie brauchten Wasser. Aber der Fluss, der in anderthalb Kilometern Tiefe vorbeirauschte, ein Rinnsal bloß, wie man von oben meinen musste, war nicht zu erreichen. Drei Tage lang suchte Hauptmann Don García López de Cárdenas mit seinen Soldaten nach einer Möglichkeit zum Abstieg. Vergebens. Enttäuscht kehrten sie um. Kurz vor dem Verdursten.

[…]

Staunen und Angst mischen sich in seinen romantisierenden Beschreibungen mit wissenschaftlich exakten Angaben. Von Kluften ist da die Rede, die mit ihrem unirdischen Aussehen wie die Tore zur Hölle wirken; und dennoch hielt die Mannschaft immer wieder inne, "erfüllt von staunendem Entzücken", um "diese wunderbaren Formationen" zu betrachten, durch die sich der Colorado und seine Nebenflüsse schlängeln.

[…]

Mit einem Mal verspürt man eine Sucht nach neuen Schluchten und Felskesseln, wird vorangetrieben auf der Suche nach noch mehr der bizarr geformten Türme und noch mehr dieser so unwirklich gefärbten Steine. Selbst ohne jede Pflanze sind diese Felswüsten an Farbenreichtum kaum zu übertreffen. Eisen, das im Fels oxidiert oder verrostet, färbt die Klippen schwarz, braun, rot, rosa und gelb, und wenn es sich - optisch mit Mangan oder Kupfer verbindet, wird die Palette um Lila- und Grüntöne erweitert.

[…]

In diesen Märchengärten kann man sich mühelos in Bildern, Felsen und Gedanken verlieren, beginnt die Steinformationen zunächst noch mit Burgen und gotischen Kathedralen zu vergleichen, schon wenig später aber mit Fabeltieren und legendären Gestalten.

[…]

Dass Thomas Kellner die Welt zum Schwanken bringt, kennt man von seinen Architekturaufnahmen. Da meint man durch sein Zerlegen der Gebäude in einzelne Bildsplitter und durch mehrfaches Kippen der Kamera begännen die berühmtesten Sehenswürdigkeiten der Welt - vom Eiffelturm bis zur Brooklyn Bridge -  zu wackeln, zu schaukeln, sogar zu tanzen.  Die Architektur gerät aus den Fugen. Und je hemmungsloser Thomas Kellner dafür die Gebäude zerlegte, desto kühner wurden die Begriffe, die man für seine Bilder fand: von kubischer Orchestrierung über radikalen Konstruktivismus, Dekonstruktivismus und Rekonstruktivismus bis zu, von der Fotohistorikerin Irina Chmyreva geprägt, analytischem Synthetismus.
[…]

Aber vor dem Grand Canyon zeigte er [Thomas Kellner] Demut. Dort machte er sich ganz zum Diener der Landschaft und bildet sie ab ohne jeden spielerischen Eingriff. Ganz konzentriert. Ganz ernst. Und uns bleibt nichts, als die einzelnen Bildteilchen zu betrachten, wie in stiller Andacht, bis nun wir zu Schwanken beginnen."


Freddy Langer (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Grand Canyon, in: Oliver Seltmann (Hg.), The Big Picture, Lüdenscheid, Berlin 2020.

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