Fine art by Thomas KellnerPortfolios

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Dr. Gerd Steinmueller: Thomas Kellner - facades

Thomas Kellner - facades

Will man Thomas Kellners künstlerisches Konzept mit wenigen Worten beschreiben, so könnte man sagen, daß es ihm immer darum geht, eingefahrene Wahrnehmungsweisen mit sehr unterschiedlichen fotografischen Mitteln zu irritieren und zur Disposition zu stellen. Wie dieses Konzept im Zusammenhang mit “Max hat´s” funktionieren sollte, war mir vor knapp einem Jahr, als wir zum ersten Mal hier standen und darüber sprachen, noch absolut schleierhaft. Thomas Kellner, zu diesem Zeitpunkt gerade zum Inhaber der “Gastprofessur Kunst” am Institut für Kunstpädagogik der Gießener Universität ernannt, sprach damals von digitalisierter Architektur, von Auflösung und Zerlegung in Pixel, ähnlich wie im Fernsehen, wenn Personen bewußt unkenntlich gemacht werden sollen. Mir darauf einen Reim zu machen, fiel mir angesichts des damals noch recht desolaten Zustands dieses Ausstellungsortes nicht eben leicht. Nicht eben leicht aber auch deshalb, weil ich in Thomas Kellner bis dahin eher einen Vertreter der Low Tech-Fotografie vermutete, der auf allzu hohen technischen Aufwand bewußt verzichtete, um sich möglichst viele Gestaltungsoptionen offenzuhalten.

Kennengelernt habe ich Thomas Kellner, der 1966 in Bonn geboren wurde, 1992 an der Universität-Gesamthochschule Siegen. Er war dort Student der Fächer Kunst und Sozialwissenschaften für das Lehramt an Gymnasien, eigentlich aber bereits ein besessener Fotograf, der nahezu alles, worin sich Lichtempfindliches unterbringen ließ, zu Lochkameras umfunktionierte, angefangen von kleineren Schachteln und Dosen bis hin zu Mülltonnen und LKWs. Erwiesen sich derartige Behälter einmal als völlig inkompatibel mit seinen fotografischen Vorstellungen, so entwarf und baute er ganz einfach neue Apparate, solche mit mehreren Löchern beispielsweise, oder auch jene Kamera, mit der Thomas Kellner 6.000 km entlang der bundesdeutschen Grenze reiste, um jeden Grenzübergang einzeln zu dokumentieren. Für dieses 1996 durchgeführte Projekt, genannt “Deutschland. Blick nach draußen”, das zugleich seine Staatsarbeit war, erhielt Thomas Kellner nicht nur eine exzellente Examensnote, sondern auch den Kodak-Nachwuchs-Förderpreis. Im Katalog zu diesem Projekt bemerkte Hubertus von Amelunxen:

“So vermittelt sich Kellners Bestandsaufnahme deutscher Grenzen dem Betrachter in einer eigenartigen Stille, etwas melancholisch stimmt uns diese Freiheit. Die Bilder scheinen den Raum zu weiten und doch in diesem Zug uns den Boden unter den Füßen zu nehmen.” (S. 16)

“Uns den Boden unter den Füßen zu nehmen”, wie von Amelunxen sagte, sollte Thomas Kellners Arbeit schon bald in ganz anderer Weise bestimmen. Seit 1997, mit Beginn seiner Tätigkeit als freischaffender künstlerischer Fotograf, setzte er sich wiederum mit den Möglichkeiten konventioneller, genauer: analoger handelsüblicher Fotoapparate auseinander. Es entstand das Projekt “Monumente”, in dem Thomas Kellner architektonische, vorzugsweise urbane Wahrzeichen wie den Eiffelturm, die Berliner Gedächtniskirche, Big Ben, Tower Bridge, die Alhambra usw. in eine Fülle von Einzelbilder zerlegt, um diese Fragmente dann in verblüffend neuer Weise wieder zusammenzusetzen.

Unvermutete Aktualität erhielt dieses dekonstruktiv-rekonstruktive Verfahren, das dem allzu oft Fotografierten, dem visuell Abgenutzten und damit auch dem allzu oft Übersehenen eine völlig andere Präsenz verleiht, durch den Anschlag auf das Wahrzeichen von New York, die Twin Towers des World Trade Center, am 11. September 2001. Vor allem in den USA wurde Thomas Kellners fotografischen Arbeiten seitdem wachsende Aufmerksamkeit und Anerkennung zuteil. Einzelausstellungen erfolgten 2002 und 2003 in Winchester, New York und Chicago. Ankäufe seiner Arbeiten wurden inzwischen auch von renommierten öffentlichen Sammlungen getätigt, wie beispielsweise dem Museum of Fine Arts in Houston und dem Art Institute of Chicago. Zu Kellners Architekurcollagen bemerkte Alan C. Artner in der Chicago Tribune: “Who would have thought that so much wonder could still be created with straight photographs in a time given to digital manipulation?”

Daß Thomas Kellner der digitalen Fotografie und damit auch der Möglichkeit, Bilder grenzenlos manipulieren zu können, keinesfalls ängstlich und reserviert begegnet, sondern sich im Gegenteil dieses Medium aus einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung heraus anzueignen versteht, zeigt sein neuestes Projekt “facades”. Dieses Projekt entwickelte Thomas Kellner während seiner Zeit als Gastprofessor an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Ausgangspunkt sind dabei - wie sein Projektbuch mit den Entwürfen veranschaulicht - eine Reihe von Gießener Gebäuden, deren Fassaden jeweils mit einem reduzierten, stark aufgepixelten Abbild ihrer selbst verkleidet werden bzw. als verkleidet vorzustellen sind. In die Tat umgesetzt und im Maßstab 1 : 1 ausgeführt, ergibt sich dabei ein sehr merkwürdiger Effekt:

Aus der Distanz gesehen, scheint die Architektur noch weitgehend intakt und nur geringfügig in sich verschoben zu sein. Nähert man sich dem Gebäude, so erscheint seine Fassade jedoch zunehmend in Auflösung begriffen. Architektur verwandelt sich jetzt plötzlich in ein Bild, wobei das Bild mehr und mehr auf seine Grundbestandteile, auf einzelne Pixel, zurückgeführt wird. Oder anders gesagt: Materielles erscheint entmaterialisiert. Paradoxerweise vermag dabei aber das an und für sich Immaterielle dennoch stoffliche Qualitäten anzunehmen. Aufgrund ihrer Größe und weil sie immer auch im Kontext unverhüllter architektonischer Bestandteile wahrgenommen werden, dem Dach oder in anderen Entwürfen auch Balkonen, erscheinen die einzelnen Pixel gar nicht so sehr als Endprodukte eines Zerfallsprozesses, sondern eher als Ausgangsmaterialien, als Bausteine gewissermaßen, aus denen sich eine virtuelle parallele Welt formiert, die der wirklichen, real existierenden Welt nunmehr gleichberechtigt gegenübertritt und gleichsam in sie eingebaut erscheint.

Dieses subtile Spiel mit der Wahrnehmung, das seit seinen frühen Lochkamera-Projekten im Zentrum von Kellners künstlerischer Konzeption steht, zeigt  hier die Koexistenz von Architektur und Bild, von Realität und Virtualität in natura.  Es ist Thomas Kellner wirklich gelungen, “Max hat´s”, das heimliche Wahrzeichen Gießens, mit einem kräftigen künstlerischen Ausrufzeichen zu versehen und zu einem spannenden Hingucker zu machen.
( Dr. Gerd Steinmüller, 28. Februar 2004 )

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