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nikon news 2005-01

Nikon News 2005-01: MAKING-OF: THOMAS KELLNER, Babylonien by Night

Thomas Kellner türmt Dutzende von Einzelaufnahmen zu babylonischen Visionen. Seine Kunstwerke sind ein Amalgam aus Vorstellung, Experiment und harter Knochenarbeit.
 

Wenn Thomas Kellner Bauwerke wie eine Doppelhelix in den Himmel wachsen laesst, wenn er architektonische Strenge aufbricht und Sehgewohnheiten umstoesst, tut er dies nicht mit Hilfe eines Computers, wie zu vermuten waere. Was er fuer seine Bilder braucht, ist neben der Kamera vor allem sich selbst: seine Vorstellungs- und Gestaltungskraft, seine Lust am kreativen Experiment.

Wie dieses Bild, so entstehen auch Kellners andere Stadtvisionen durch das Uebereinander reihen unzerstueckelter Filmstreifen zu einer Art Kontaktbogen, der durchaus auch einmal auf eine Groesse von über einem Meter anwachsen kann. Dabei wird nichts verschoben, hinzugefuegt oder weggelassen. Einem zuvor festgelegten Plan folgend, tastet Kellner das Motiv mit seiner Kamera fotografisch ab, arbeitet er sich einem klar definierten Raster gemaess von links nach rechts und von unten nach oben. Jedes Einzelbild hat seinen von der Chronologie diktierten Platz im Gesamtbild, das zum Zeitpunkt seiner Entstehung lediglich in Kellners Kopf existiert und erst nach der fertigen Montage der Puzzleteile überpruefbar wird. Will heissen: Ein einziger falscher Bildausschnitt, eine weshalb auch immer missratene Aufnahme kann die Arbeit zunichte machen. «Mein Bild vom Hotel Paris in Las Vegas (s. Seite 2) gelang erst im zweiten Anlauf. Nachdem ich schon einen massgeblichen Teil der Einzelaufnahmen hinter mich gebracht hatte, begann es ploetzlich zu regnen. Die neu entstandenen Lichtreflexe veränderten die Aufnahmelandschaft derart stark, dass die noetige bildliche Einheit nicht mehr gewaehrleistet war. Also nochmals alles von vorne.»

Ueberhaupt: Arbeiten bei Nacht! Fuer Fotodesigner Thomas Kellner wird die Dunkelheit in mancherlei Hinsicht zur weiteren Nagelprobe. «Mein Bild vom Times Square entstand im Laufe von beinahe vier Stunden. Als nach 22 Uhr Kinos und Theater aus waren, bevoelkerte sich der Platz, wo ich Position bezogen hatte, derart stark, dass an ein Fotografieren ohne Schutz nicht zu denken gewesen waere. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, fuer solche Faelle einen Assistenten mitzunehmen, der mir den Ruecken frei halten konnte und dafuer sorgte, dass die Passanten nicht ueber mein Stativ stolperten. Bei der Art meiner Bilder wuerde schon die geringfuegigste Erschuetterung und selbst das leichteste Verschieben des Stativs den Misserfolg besiegeln.» Auch andere Schwierigkeiten wollten erst bewaeltigt sein. Der unterste Bildteil, auf dem Strasse und Gehsteig zu sehen sind, zeigte sich gerade bei Nacht als besonders problematisch, da die Lichter vorueberfahrender Autos zum Stoerfaktor wurden. «Ich musste jeweils zuwarten, bis die Verkehrsampeln auf Rot standen und die Sicht auf die andere Seite des Platzes frei war. Das hat die gesamte Aufnahmezeit empfindlich verlaengert und die Gefahr erhoeht, dass sich Lichter veraenderten oder zu spaeter Stunde Leuchtreklamen ausgeschaltet wurden.»

Der Werdegang von Kellners babylonischen Mosaiken laesst sich nicht in ein Schema pressen. «Jedes Motiv hat seine Besonderheiten. Regeln gibt es nicht, hoechstens Erfahrungswerte. Normalerweise suche ich den Aufnahmeort vorgaengig auf, um mir ein Bild davon zu machen, mit wie vielen Einzelaufnahmen und auf welche Weise das Motiv am besten in den Griff zu bekommen ist. Welche Objektivbrennweite braucht es fuer die geplante Bildzahl, et- welche Ueberschneidungen inbegriffen? Wie viele Filme muss ich mitnehmen, welche Empfindlichkeit ist ratsam? Hat man erst einmal mit den Aufnahmen begonnen, liegen Wechsel des Equipments nicht mehr drin. Dann gilt das Motto: nur nichts veraendern! Hat man einmal die optimale Belichtungszeit ermittelt - bei Nachtaufnahmen durch Anmessen der Lichter -, so werden Blende und Verschlusszeit manuell eingestellt; sie bleiben dann waehrend der ganzen Session unangetastet. Fuer das Bild vom Times Square habe ich mit voll geoeffneter Biende gearbeitet, um mit der erzielbaren Verschlusszeit von 1/15 Sekunde die Gefahr von Verwacklung und Verwischung so gut es ging zu reduzieren. Es gibt genug anderes, an das man nun denken muss allem voran an den richtigen Bildausschnitt jeder einzelnen Aufnahme. Wenn das fertige Bild, sagen wir mal, 24 Einzelaufnahmen breit ist, dann muss ich dafuer sorgen, dass beispielsweise Negativ Nummer 50 mit Negativ 26 und dieses mit Negativ 2 in der Senkrechten korrespondiert. Dies bedeutet, dass ich schon vor jeder einzelnen Aufnahme wissen muss, wohin sie im fertigen Bild gehört.»

Da fuer metergrosse Mosaiken mehrere Filme erforderlich sind und sich bei der Verarbeitung Kontrast- und Farbschwankungen nie ganz vermeiden lassen, musste sich Thomas Kellner auch hier zugunsten einer einheitlichen Bildwirkung etwas Besonderes einfallen lassen: Er liess die fertig montierten Farbnegative für das obige Bild mithilfe eines professionellen FlachbettGrossscanners und einer speziell für diesen Zweck angefertigten Durchlichteinheit einlesen. Danach konnte er das daraus resultierende digitale Mosaik mit Bildbearbeitungssoftware farblich und kontrastmässig harmonisieren. Der Ausdruck ist 142x136 cm gross.

Kiefer, R., 2005. Making-of: Thomas Kellner. Babylonien by Night. In: Nikon News, 1-2005, pp. 30-31.Nikon News 2005-01

>>> Times Square at Night 2003

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