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fotomagazin 2005-5

Fotomagazin Nr.5 2005: Thomas Kellner, Fraktale Monumente

Kellner macht sich an den Sehenswuerdigkeiten der Welt zu schaffen. Seine kubistisch-fragmentierten Architekturvisionen tanzen den Blick frei fuer eine neue Wahrnehmung laengst „zu Tode fotografierter“ Wahrzeichen.
 

Wenn die Busse im Stundentakt Tausende Touristen ausspucken, ist in den Metropolen der Welt ein fotografisches Halali angesagt. Ob Big Ben oder Stonehenge in England, Guggenheim Museum und Brooklyn Bridge in den USA, die Koelner Hohenzollern Bruecke und freilich der Eiffelturm - sie werden taeglich aufs Neue per Klick "erledigt". Bildtrophaeen, die beweisen, wirklich da gewesen zu sein. Doch selten scheint der BIick der gefuehrten Fremden so fremd zu sein, dass daraus eigene, neue Erfahrungen entstehen moegen. Diese Wahrzeichen sind "totfotografiert", konstatiert Thomas Kellner. Der Siegener Fotokuenstler arbeitet seit 1997 an seinem Projekt "Monuments". Zunaechst auf den europaeischen Raum beschraenkt, weitete er seinen Fokus seit etwa 2000 auf transatlantische Metropolen aus. Und seine fragmentierten Wahrzeichen wuchsen vom anfaenglichen Kontaktbogenformat von etwa 20 x 30 Zentimeter auf über MetergroeBe. Amerikanische Kunstgalerien wurden auf den Deutschen aufmerksam. Dem gewohnten Anblick stellt Kellner seine in Kleinbild-Puzzleteilchen fragmentierten Visionen entgegen. Als Ganzes noch erkennbar, entfalten die Monumente ein quirliges Eigenleben. Mal Tanz im zackigen Tangoschritt oder schwungvollen Twist oder als flirrender Flug von Schwebeteilchen wie beim Riesenrad London Eye (Seite 126). Der Blick wird frei für neue Seherfahrungen.
 

Kellner entwickelte sein System der architektonischen Dekonstruktion keineswegs über Nacht. Jahrelang beschaeftigte der 39-Jaehrige sich mit den Moeglichkeiten und Grenzen der Lochbildkamera. Dutzende solcher Modelle vom Typus Camera Obscura baute er selber. Vom winzigen Format der Filmdose bis zur Ladeflaeche eines Kleintranporters, die als metergrosse Bildbuehne diente. Mit 7- und 11 -Loch-Modellen schuf er kaleidoskopartige Ueberlagerungen archaischer Naturdarstellungen. Als er 1997 einer Einladung nach Paris übereilt folgte, blieb keine Zeit mehr, eine passende Lochkamera zu bauen. Doch in der Seine-Metropole entdeckte Thomas Kellner das Prinzip der Fragmentierung in Einzelbilder auf dem (Um)Weg über Robert Delaunays Eiffelturm-Gemaelden für sich neu. Delaunay schloss sich damals der Bewegung der Kubisten um Georges Braque und Pablo Picasso an. Um 1910 malte Delaunay mehrere multiperspektivische Eiffelturmbilder. Und auch Kellner hatte den Eiffelturm bereits aufs Korn genommen. Das Grundprinzip der Kubisten, Gegenstaende in kubische Einzelformen aufzubrechen, liess sich ins Fotografische uebersetzen. Statt mit einer Lochkamera, tastete Kellner sich mit seiner Pentax-Spiegelreflexkamera an ein fragmentierendes Aufnahmeprinzip heran. Als er den Kontaktbogen mit ersten Versuchen in der Hand hielt, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Nicht experimentelle Einzelbilder kamen einer neuen Darstellungsweise nahe, sondern der Kontaktbogen als Ganzes. In der Folge verfeinerte Thomas Kellner Idee und Verfahren. Mehrfach-Perspektiven - so als wuerde man um das Objekt herum gehen -finden sich in seinen Bildern nicht. Die darin enthaltene Dimension der Zeitlichkeit dagegen schon. Denn es kann schon mal zwei Stunden dauern, bis die reine "Ausloesearbeit" komplett ist. Unterschiede im Licht zeigen sich, Flugzeuge oder Personen können mehrmals im Bild auftauchen. Auch wenn der Gesamteindruck seiner Bilder eine weitwinkelperspektive nahelegt, entstehen die Einzelfragmente meist mit extremen Telebrennweiten, oft jenseits von 1000 mm. "Die Hauptschwierigkeit besteht darin,eine optimale Perspektive für diese Art der Fotografie zu finden", erklärt er."Das heisst, einen Tag herumlaufen, betrachten und austesten." Ist der Standort gefunden, wird das Stativ genauestens einnivelliert und die Zerlegung der Bildbreite in Einzelframes festgelegt, im Zusammenspiel mit der Brennweite. Einzelbaustein jeder Inszenierung stellt bis dato das Kleinbildformat mit 24 x 36 mm dar, das im zusammengesetzten Bild immer in Originalgroesse erscheint. Die Anzahl der Frames entscheidet aiso über die Gesamtbreite der Komposition, aber auch über die Wirkung - feiner und filigraner oder groeber fragmentiert. Ein kompletter 36er-Film erzeugt immerhin eine Bildbreite von etwa 120 Zentimeter. Kellner baut seine Inszenierung immer von der Gebaeudebasis her auf. In vielen Faellen, etwa bei der Golden-Gate-Bridge, bleibt sie unmanipuliert. "Solche Monumente sollen eine feste Basis behalten, von einstürzenden Neubauten, wie ein Journalist mal flappsig formulierte, kann keine Rede sein", erklärt er. Nach jedem Einzelbild wird die Kamera ein Stueckchen weitergeschwenkt, in einer Mischung von Exaktheit und Bauchgefühl. So werden die Reihen von unten nach oben aufgebaut. Spannend wird es, wenn Kellner in die zuvor auf Papier skizzierten Bereiche seiner kubistischen Dekonstruktion gelangt. Hier kippt er die Kamera einzelbildweise radial aus der horizontalen Achse. Das fordert dem Fotokuenstler eine erhebliche Imaginationskraft ab, um letztlich zu einer im Ausdruck einheitlichen Stossrichtung zu gelangen. Kellner bricht die

bildhistorischen Sedimentschichten, die sich im kollektiven Gedaechtnis über die Wahrzeichen der Welt gelegt haben, auf. Die Bemerkung, dass diese Art der Fotografie nur einem Deutschen einfallen koenne, wie sich ein angelsaechsischer

Kunstkritiker mal mokierte, uebersieht den feinen Humor in den Bildern. Sein Foto vom Riesenrad "London Eye" kommentierte Thomas Kellner: "0h, ich wollte, dass es weg fliegt."

 

Raith, F., 2005. Das besondere Portfolio. Fraktale Monumente. In: Foto Magazin, No. 5, May 2005, pp. 124-129.

>>> Golden Gate Bridge San Francisco 2004

 

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