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Photographie 2004-01

Sabiene Ostmann im Interview mit Thomas Kellner: Amerikanische Monumente, in: Photographie 1/2 2004

Ein "tanzender" Big Ben, ein in Fragmente zerfallender Eiffelturm - mit seinen "Dekonstruktionen" beruehmter Sehenswuerdigkeiten wurde Thomas Kellner zu einem der wichtigen gegenwaertigen Architekturfotografen. "Ich schaffe meine Dekonstruktionen, um darauf hinzuweisen, dass ein Gebaeude "totfotografiert" ist", hat der Siegener Fotokuenstler einmal bekundet. Doch gerade durch seine kubistisch inspirierte Darstellungsweise, die die Gebaeude gleichsam in Bewegung versetzt, weist er mit einem Augenzwinkern auf die Vielfalt allseits bekannter architektonischer Ikonen hin. Seine Bilder fordern den Betrachter zur neuen Auseinadersetzung mit dem vermeintlich Bekannten auf. Im vergangenen Jahr hat sich Kellner angeschickt, mit seinen "Europaeischen Monumenten" (so der Titel seines ersten Bildbandes) auch die USA zu erobern. Wie seine Bilderserien dort ankamen und welche Projekte er in Amerika verfolgt, verriet er PHOTOGRAPHIE-Redakteurin Sabine Ostmann.
 

PH: Wie hat das Publikum in den USA vor dem Hintergrund des 11. September 2001 auf Ihre „einstuerzenden“ Gebaeude reagiert?
 

TK: Als ich an diesem Tag die Ereignisse verfolgte, war mir der Zusammenhang zwischen meinen Bildern und den einstuerzenden Tuermen sofort bewusst. Tatsaechlich habe ich ueberlegt, meine Bilder fuer eine Zeit vom Markt zu nehmen. Die Reaktion der Amerikaner war allerdings anders als erwartet. Sie bemerkten, dass meine Bilder nun um einen weiteren Inhalt reicher geworden seien. In den USA sind zwar die Bilder des einstuerzenden WTC allgegenwaertig, aber im Vordergrund steht die Angst vor Terrorangriffen. Nicht zuletzt sind dort wahrscheinlich Bilder von Gebaeudesprengungen, auch solche von Hochhaeusern, bekannter als hierzulande. Nach einem guten Jahr am amerikanischen Markt verkaufe ich heute sogar mehr Bilder in den USA als in Europa.
 

PH: Nach welchen Kriterien suchen Sie die Gebaeude aus, die Sie fotografieren?
 

TK: Meist wende ich mich den bekannten Sehenswuerdigkeiten einer Stadt zu, also den Gebaeuden, die die Touristen gerne ablichten. Mir geht es um die Konfrontation des bekannten, medial vermitteltem und massenhaft reproduzierten Bildes mit dem dekonstruierten, fragmentierten Bild.
 

PH: Wie planen Sie solch aufwaendige Arbeiten? Wie sehen die Vorbereitungen aus?
 

TK: Meine Bilder bestehen aus 80 bis 300 Einzelaufnahmen. Die meiste Zeit verbringe ich tatsaechlich mit der Vorbereitung. Zunaechst suche ich einen geeigneten Standpunkt, fertige eine kurze Skizze des Bildausschnitts und vermesse dann das Bild. Hierzu waehle ich eine geeignete Brennweite. Danach wird das Bild quasi gerastert, ein Storyboard fuer die Bewegung der Kamera skizziert und die entsprechenden Markierungen auf dem Stativ gemacht. Danach muss ich das Bild dann „nur noch“ Aufnahme fuer Aufnahme durcharbeiten.
 

PH: Koennen Sie sich vorstellen, Ihre Methode noch auf andere Sujets auszudehnen?
 

TK: Vorlaeufig werde ich mich in dieser Art auf Sehenswuerdigkeiten beschraenken, vielleicht kommt das eine oder andere landschaftliche Motiv hinzu - die Niagarafaelle wuerden mich reizen. In New York ist gerade das erste Nacht-Motiv am Times Square entstanden. Vielleicht liegt dort noch eher ein weiterer Reiz. Ansonsten denke ich momentan eher ueber ganz andere Sachen nach, etwa darueber, zu Lochkameraprojekten zurueckzukehren.
 

Thomas Kellner (Jahrgang 1966) studierte Kunst mit Schwerpunkt Fotografie an der Universitaet Siegen bei Professor Juergen Koenigs. Seit 1997 arbeitet er freischaffend. 2003/2004 bekleidet er eine Gastprofessur »Kunst« an der Universitaet Giessen. Seine Aufnahmen aus den USA, von denen wir hier einige vorstellen, sind vom 9. Januar bis 18. Februar 2004 in der Ausstellung »Bilder aus der alten und aus der neuen Welt«, Fotos von Thomas Kellner und Joachim Storch, in der in focus Galerie am Dom in Koeln zu sehen. Thomas Kellner ist zur Vernissage am 9. Januar anwesend und signiert seinen neuen Bildband „Ozymandias“ mit Arbeiten aus Europa.

Ostmann, S., 2004. Amerikanische Monumente. In: Photographie, No. 1/2 2004. pp. 58-63.

>>> Skyline at Brooklyn Bridge 20003

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