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inside 2004-02

Inside, Siegen: Thomas Kellner, Experimentelle Fotografie internationaler Bauwerke, in: Inside 2004-02

Tanzende Monumente, in Bewegung geratene Bruecken, zerfließende Tuerme. Fotografie ist weit mehr als ein schneller Schnappschuss oder die nackte Abbildung des Objekts. Die Tower Bridge in London, die Alhambra in Granada, der Torre de Belém in Lissabon oder die Brooklyn Bridge in New York haben schon unzaehlige Fotografen abgelichtet. Wer kennt nicht die typischen Postkartenmotive? Traumhafte Farben, Standardperspektiven, Sonnenuntergaenge im fließenden UEbergang zum Kitsch. Aus der Gewohnheit des Betrachters entsteht leicht die Vorstellung, es muesse so sein.
 

Der Siegener Fotograf Thomas Kellner

Jedoch verlaesst mit seinen Aufnahmen die gewohnten Pfade der Fotografie. Seine Bilder sind Bewegung, eine Abkehr von statischer Vorstellung und Umsetzung. Das Wort Komposition trifft hier in hohem Maße zu. Jedes Bauwerk das als Gesamtbild in Erscheinung tritt, entsteht aus zahlreichen Einzelbildern. Ihre Anordnung, ihr Zusammenwirken, geben den Monumenten ihre Lebendigkeit und Originalitaet. In Thomas Kellners neuestem Buch „Ozymandias“, juengst erschienen bei Fotogallery, wird der Betrachter mit auf eine Reise genommen und das im woertlichen Sinne. Moderne und alte Architektur Europas kommt im neuen Gewand daher. Die Kultstaette Stonehenge in England erscheint geradezu lebendig. Miteinander kommunizierende Steine, deren Figuren, man koennte es durchaus meinen, sich gegenseitig begrueßen. Dagegen wirkt die Hypovereinsbank in Muenchen monstroes, fast bedrohlich futuristisch. Beim Anblick der Siegener Universitaet liegt der Gedanke nahe: Warum nicht so gebaut? Das haette garantiert den Studienalltag belebt. In jedem Bild entstehen zahlreiche neue Eindruecke und lassen der Phantasie einen breiten Spielraum. Manche Monumente geraten so in Bewegung, dass Assoziationen mit Einsturz oder Sprengung nahe liegen. Auch erinnert Thomas Kellners Architekturfotografie an ein Puzzle. Zeit und Muße sind mitzubringen. Der Betrachter ist bei der Vielzahl der Einzelbilder gefordert. Je nach Ausschnitt ergeben sich ganz eigene Bildwelten. Und genau darin liegt die Faszination dieser experimentellen Form der Fotografie.
 

Thomas Kellner, 1966 in Bonn geboren, studierte Kunst und Sozialwissenschaften an der Universitaet Siegen. Fuer seine Abschlussarbeit erhielt er den Kodak-Nachwuchs-Foerderpreis. Nach anfaenglichen Lochkameraarbeiten, deren abenteuerliche Modelle neben anderen Arbeiten zum Thema Mensch, Natur und „Moneten“ auf seiner Webseite zu sehen sind, arbeitet er seit 1997 als freischaffender Fotograf und Kuenstler. Zur Zeit unterhaelt er eine Gastprofessur an der Justus-Liebig-Universitaet in Gießen. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, davon staendige unter anderem in Chicago, London und Koeln, haben ihm mittlerweile internationale Anerkennung eingebracht. Dass Thomas Kellners Arbeiten im Museum of Fine Art in Houston oder im Art Institut of Chicago zu sehen sind, untermauert die Bedeutung seines Schaffens. Wessen Bilder obendrein neben solchen Groeßen der Fotografie wie Gaudin, Man Ray, Capa, den Bechers, Sander und anderen zu sehen sind, der koennten leicht dem Hoehenrausch verfallen. Aber davon ist bei Kellner nichts zu spueren. In seinem Atelier in der Friedrichstraße schildert er detailliert sein Vorgehen und seine Sichtweisen. Er ist ein global denkender und agierender Kuenstler, der sein Publikum zur Auseinandersetzung einlaedt. Eine Aufforderung, sich von schnoeder Konsumentenhaltung zu loesen. Was in den Bildern zum Ausdruck kommt, wuenscht er auch dem Betrachter: Dynamik anstatt Statik. Das Eigene suchen und finden. Seine Werke werden von Februar bis Mai unter dem Titel „Tango Metropolis“ in der Galerie der Industrie und Handelskammer in Siegen zu sehen sein. „Die Formate werden groeßer“, so verriet Thomas Kellner schon vorab. Mit Blick auf eine seiner neueren Arbeiten – dem Times Square in New York, die einem glatt den Atem verschlaegt, darf man gespannt sein auf das, was die Ausstellung dem Auge des Betrachters offenbaren wird. Auf die Besucher wartet eine Begegnung der besonderen Art. Anregende Experimente zeitgenoessischer Fotografie.

Dernbach, S., 2004. Tango Metropolis – Thomas Kellner. In: Inside. In Sachen Siegen-Wittgenstein, Februar 2004. pp. 6-7.

>>> cover image: Guggenheim New York 2003

 

 

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