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Zeitung des Bundesgrenzschutzes, Nr.1/2,1997, Bonn, Germany

Thomas Kellner, Deutschland – Grenzgaenge : Zeitung des Bundesgrenzschutzes, Nr.1/2, Bonn, Germany, 1997

Kellner, T. 1997. Deutschland. Grenzgänge. In: Bundesgrenzschutz. Polizei des Bundes, vol. 1/2#24, 1997, pp. 34-35.

 

Der Ausgangspunkt fuer eine fotografische Serie ueber Deutschland war die UEberlegung, ein gesamtdeutsches Panorama zu schaffen und die Grenze Deutschlands zu betrachten. In der Lochkamerafotografie bestimmt das Loch und seine eigene Begrenzung die grundlegende bildnerische Rolle. Die Begrenzung des Lochs ist verantwortlich fuer die Entstehung eines Bildes. Deutschland ist bestimmt durch seine Grenze. Das Fehlen einer Linse und die grenzenlose Abbildungsschaerfe der Lochkamera, sowohl in der Tiefenschaerfe der aufgenommenen Situation, als auch hinter dem Loch in der Kamera, eroeffnet ein unendliches Feld von Bauideen eines Fotoapparates. Bereits in der planenden Phase meiner dokumentarischen Reise wurde deutlich, dass sich kein geschlossenes Panorama fotografieren liesse, sondern die Aufnahmen an einzelnen Stationen sich zu einer Bildreihe verbinden mussten. Der Blick nach draussen an der Grenze, ueber die Grenze in das Nachbarland, wurde an den einzelnen Orten durch das OEffnen der Lochkamera zu einem Blick wie durch ein Schluesselloch, Deutschland selbst zum Kamerakoerper. Die Grenze ist real existent. Sie ist vermessen, markiert und auch kontrolliert. Auf meiner Reise war die Grenze unserer Republik allgegenwaertig. In etwa gleichbleibenden Abstaenden suchte ich Orte auf, um mich mit meiner Kamera der Grenze zu naehern und den Blick auf die Begrenzung unseres Landes zu oeffnen. Der Kamerabau und sonstige Vorbereitungen dauerten laenger als urspruenglich vorgesehen. Als Reisezeit blieben mir 14 Tage in den Osterferien. Jeder meinte mir sagen zu muessen, dass das nicht machbar sei. Auch die freundlichen Damen eines deutschen Automobilclubs hielten meine Reisezeit fuer zu kurz und wollten mich tatsaechlich mit Unterlagen verschiedener Staedte und Sehenswuerdigkeiten eindecken. Anscheinend konnten sie die Grenze und die Grenzstationen als fuer mich attraktives Reiseziel nicht einordnen

 

Grosse Spannung

Am 25. 3. 96 fuhr ich morgens um 10 Uhr mit meinem alten Golf Diesel los. Das erste Ziel und der Beginn meiner Rundreise war Aachen-Lichtenbusch. Je naeher ich der Grenze kam, desto groesser wurde meine Spannung. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Hatte ich alles eingepackt? Wuerden die Kameras alle funktionieren? Wuerde das Wetter mitspielen? - Die Winterreifen hatte ich wohlweislich draufgelassen. - Es schlichen sich auch einige Sorgen ein. Haette ich mir vielleicht besser eine Genehmigung besorgt? Hoffentlich wuerden meine Filme nicht beschlagnahmt oder geklaut! - Solche und andere UEberlegungen kennt wahrscheinlich jeder Fotograf, der sich auf ein neues und fremdes Arbeitsfeld einlaesst. Spaetestens nach zwei Tagen zerfielen langsam meine Sorgen und mein Tag strukturierte sich durch das Arbeiten, Fahren und Rasten. Die Tage glichen einer dem anderen. Morgens um 6.30 Uhr aufstehen, Kameras kontrollieren und durchladen, fruehstuecken und losfahren. Um 8 Uhr war ich in der Regel an der ersten Tagesstation und machte in der Morgendaemmerung meine ersten Aufnahmen. Meistens machte ich mir zu den oertlichen Begebenheiten noch einige Notizen und vor allem ein Polaroid, um spaeter meine Negative der doch oft sehr aehnlichen Situationen auseinander halten zu koennen. Die meiste Zeit verbrachte ich zwischen den Stationen im Auto. Die Fahrt dauerte in der Regel anderthalb bis zwei Stunden, so dass ich maximal fuenf bis sechs Stationen pro Tag erreichen konnte. Abends fuhr ich nach dem letzten Halt und den letzten Aufnahmen des Tages, bei schon untergehender Sonne weiter bis in die Naehe meines ersten Zieles des Folgetages, um mir dort eine Bleibe fuer die Nacht zu suchen. So fuhr ich zwoelf Tage lang ueber sechstausend Kilometer rund um unsere Republik, sammelte Aufnahmen an 54 Stationen und lernte nicht nur die deutsche Grenze, sondern auch die Landschaften am Rande Deutschlands und viele Menschen kennen. Aus meinen eigenen Erfahrungen mit der Grenze war mir die Situation im Westen bereits bekannt, nicht aber der derzeitige Ab- und Umbau der Grenzstationen. Auf den Autobahnen stehen sie zwar noch, diese riesigen Anlagen von kleinen, langen Bauten mit grossflaechigen Daechern, aber an den kleineren Uebergaengen ist das Verschwinden der Grenzstationen und des Grenzortes schon sehr deutlich.

 

Neue Nutzung

Viele der ehemaligen Grenz- und Zollgebaeude werden abgerissen oder finden eine neue Bestimmung. In Oeding liess sich ein Tierarzt auf der Grenze nieder und in Nordhorn schienen die Schalter des Zolls zeitweise als Pommesbude funktioniert zu haben. An vielen Stellen werden aus den alten Grenzstationen entweder einfach schlummernde Orte, die noch auf eine neue Nutzung warten, oder „ normale" Rastplaetze der Fernreisenden. Im Osten hingegen stellt die Grenze nicht nur die der Bundesrepublik dar, sondern auch die der EU-Aussengrenze. Die Grenzuebergaenge wirken wie Nadeloehre, durch die sich Tausende von Menschen und Guetern draengen. LKW-Staus von dreissig bis vierzig Kilometern sind an der polnischen Grenze keine Seltenheit. Entlang von Oder und Neisse, die selber die Grenze bilden, sind es die Bruecken, die den Wechsel von einem Land in das andere ermoeglichen. Durch die massive Praesenz von Beamten des Bundesgrenzschutzes und des deutschen Zolls sowie die Enge der Grenzuebergaenge vermittelte sich mir eine Spannung, die ich, so wie an der polnischen Grenze, nicht wieder fand. Entlang der tschechischen Grenze wandelte sich das Bild. Der Verkehr liess nach und vor allem veraenderte sich die Landschaft. Durch das Erz- und Fichtelgebirge fuhr ich in Richtung Bayerischer Wald und Alpen. Dort lagen die Grenzuebergaenge nicht mehr an den Fluessen, sondern meistens hoch oben auf den Bergkuppen, bzw. tief in den Talsohlen. Das ohnehin schlechte Wetter mit Schnee- und Graupelschauern, bei Temperaturen unter -5°C, begann anstrengend zu werden. Mit der tschechischen Grenze verliess ich auch die Neuen Bundeslaender, die ich zum ersten Mal durchquerte. Umbruch immer noch spuerbar UEber sechs Jahre nach der Wiedervereinigung, ist der Umbruch noch ueberall voellig krass spuerbar. Vor allem die stadtarchitektonischen Veraenderungen, das Aufeinanderprallen von Ost und West, von sozialistischer Vergangenheit und marktwirtschaftlicher Ordnung, manifestiert sich in fast jeder Ortschaft durch das Nebeneinander von Alt und Neu. So wie ich den Gegensatz zwischen Ost und West erlebte, sah ich im Norden Nord- und Ostsee als Begrenzung, im Gegensatz zu den Alpen im Sueden. Die landschaftlichen Veraenderungen zogen an mir vorueber, wie endlose Panoramen. Im Autoradio wurden die wechselnden Eindruecke unterstuetzt von den anderssprachigen Sendern der Nachbarn. Das Nachbarschaftliche in Grenznaehe fuehrte bei mir zu einem eher ambivalenten Eindruck von Grenze. Auf der einen Seite markiert Grenze den konkreten UEbergang von Land zu Land und auf der anderen Seite erlebt man die Randzone auch als Raum der Begegnung und des Durchmischens. Die gesamtdeutsche Grenze ist offenbar durchlaessiger als die ehemalige innerdeutsche Grenze. Menschen kommen in den Bildern eher selten oder nur beilaeufig vor. Die Belichtungszeiten der Kameras lagen in der Regel zwischen zwei und dreissig Sekunden, so dass bewegte Objekte kaum eine Chance hatten, sich abzubilden. (Thomas Kellner, Deutschland – Grenzgaenge in: Zeitung des Bundesgrenzschutzes, Nr.1/2, Bonn, Germany, 1997)

>>> German border project

>>> German border "Grenzgaenge"

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