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Schwarz Weiß, 12/96, Muenchen, Heiner Henninges

Heiner Henninges, 1996, aus: Schwarz Weiss, 12/96 Thomas Kellner „Dying Nature“

Henninges, H., 1996. Thomas Kellner. Dying Nature. Schwarzweiss 11. Fotografie für Kenner: Praxis – Technik – Labor – Didaktik, December 1996, pp. 12-17.

 

Die Natur ist zu allen Zeiten eines der Motive gewesen, denen Kuenstler ihre Aufmerksamkeit besonders widmeten. Dabei sehen sie zwar alle Pflanzen oder Landschaften in gleicher Weise, interpretieren sie aber durch ihre Malerei oder Fotografie meist vollkommen unterschiedlich. Dieselbe Blume kann von unterschiedlichen Kuenstlern einmal in strenger Sachlichkeit, das andere Mal romantisch verklaert dargestellt werden. Welchen Film ein Fotograf verwendet, wie er das Bild belichtet, welchen Ausschnitt und welches Perspektive er waehlt, auf welchem Papier er es vergroessert, alles hat letztendlich Einfluss auf die Wirkung seiner Fotografien. Thomas Kellner hat sich bei seiner Fotografie obendrein auch fuer einen sehr speziellen Kameratyp, die Lochkamera, entschieden. Mit dieser Kamera hat er auch seine Serie „Dying Nature“ aufgenommen. „Der Baum, in vielen Kulturen als Symbol des Lebens, ist seit dem Bewusstseinswandel der letzten Jahre zum Symbol gegen die Umweltverschmutzung geworden“, meint Thomas Kellner. „Tote, abgestorbene Baeume stehen ueberall in der Landschaft, doch nimmt man sie kaum noch wahr. Haben wir uns schon daran gewoehnt, dass um uns herum die Natur stirbt? Gehoert das Tote wie die Folgen von Kriegen schon zu unseren alltaeglich akzeptierten Bildern?“ Zum ersten Mal nahm der 30jaehrige Thomas Kellner die toten Baeume bewusst im Sommer 1994 in Norddeutschland wahr. Wie mahnende Zeitzeugen standen sie an Feldern, Strassenraendern und in den Waeldern. „Meine Betroffenheit ueber diese oft bizarren Gebilde setzte ich mit verschiedenen Kameras ohne Linse in Fotografien um, die noch immer die Abstraktheit der Formen, aber auch meine Emotionen in der Begegnung mit den einzelnen Baeumen spiegeln. Die Lochkamerafotografie koennte durch das Fehlen einer Linse und das Feststehen der Blende als Einschraenkung gesehen werden. Fuer mich bedeutet Lochkamerafotografie aber ein offenes System der Ideenfindung, ein Bewegungsraum fuer das eigene Schaffen ohne Begrenzung. Grundbedingung fuer diese Art der Fotografie ist nur ein lichtdichter Behaelter zur Aufnahme von lichtempfindlichem Materialien und eine oder mehrere Lochblenden mit Verschluss, um das lichtempfindliche Material zu belichten. Ausgehend von diesen weinigen Bedingungen sind in der Lochkamerafotografie alle Bildkonzepte und Ideen moeglich. Die Art des Behaelters, die Art und Anzahl der Lochblenden, die Art und Lage des Aufnahmematerials sind frei waehlbar. Begrenzt wird dieses System nur von den eigenen Moeglichkeiten. Die Begrenzung kann Werkzeuge zum Bau der Kameras betreffen oder auch das Bohren und Stechen der Lochblenden. Die Fotografie mit der Lochkamera unterscheidet sich von der normalen Linsenfotografie im wesentlichen durch ihre relativ langen Belichtungszeiten und durch eine gleich bleibend hohe Schaerfentiefe von 0 bis unendlich.“ Die Aufnahmen zu dieser Serie entstanden mit einer 18x24cm 11-Loch-Kamera mit Lochblenden von 0,23mm, die jeweils das gleiche Motiv mit minimaler perspektivischer Verschiebung zu einem Muster zusammenzieht. Diese Lochkamera ist aber nicht die einzige, die Thomas Kellner baute. Vom ersten Modell, das 1989 entstand, bis heute gab es nur wenig, was vor Thomas Kellners Ehrgeiz, sicher war. Von der Muelltonne ueber einen Lastwagen, bis Gulascheimern, alles wurde zur Lochkamera umstrukturiert. Aus den kleinen schwarzen Filmdoeschen produzierte er ueber 100 Mini-Lochkameras, die er an seine Bekannten verschenkte. Viele dieser fotografischen Experimente von Thomas Kellner, der seit 1989 Kunst mit dem Schwerpunkt Fotografie an der Uni Siegen studiert und kurz vor dem Examen steht, wurden schon in Ausstellungen gezeigt wie beispielsweise „Der Lastwagen als Kamera“ die er zusammen mit Jochen Dietrich 1990 in Wiehl bestritt, oder in Zeitschriften wie dem amerikanischen Journal „pinhole“ veroeffentlicht. Mit seinem fotografischen Beitrag „Deutschland – Blick nach draussen“ gewann Thomas Kellner den Kodak Nachwuchs Foerderpreis 1996. Mit seinen Lochkameras hatte er nahezu alle deutschen Grenzuebergaenge mit dem Blick zu unseren Nachbarn fotografiert – so als waere Deutschland selbst eine riesige Multi-Lochkamera. (Henninges, 1996, aus: Schwarz Weiss, 12/96, Muenchen, Germany)

>>> Dying Nature

>>> 11 pinhole images

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