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Zwischenzeit - camera obscura im Dialog (introduction)

Zwischenzeit – Camera obscura im Dialog

Dietrich, J., Hochwald, H., Kellner, T., 1993. Zwischenzeit – Camera obscura im Dialog, p. 48 – 49. 

 

ISBN 3-928126-60-1

 

Zwanzig Fotografinnen und Fotografen stellen ihre Arbeit mit der Camera obscura vor und sieben Autoren äußern sich zu den verschiedensten Aspekten dieser Art von Fotografie

Der Wunsch, in Dialog zu treten, stand am Anfang dieses Projekts: Dialog zwischen jungen Fotografen verschiedener Hochschulen, über die Grenzen der Ausbildungsorte und –bedingungen hinweg. Es entstanden Kontakte zwischen Gruppen an der Uni-GH Siegen, der FH Bielefeld und der HdBK Saarbrücken, mit dem Ziel, gemeinsam auszustellen.

Dieses Ziel ist erreicht: von April 1993 an geht die Ausstellung Zwischenzeit auf die Reise durch die drei Städte. Darüber hinaus wird der dort begonnene Dialog der Bilder im vorliegenden Katalogbuch durch den der Texte ergänzt und in einem Umfang geführt, wie er seit langem aussteht. Dies verdanken wir der Tatsache, dass die von uns eingeladenen Autoren nicht allein engagiert mitgearbeitet, sondern auch um der Sache willen auf ein Honorar verzichtet haben. Ihnen sei an dieser Stelle ganz besonders gedankt.

Der Titel Zwischenzeit ist ein Versuch, die Vielzahl der verschiedensten Arbeitsweisen, Konzepte, Strategien und Ziele der hier versammelten Camera-obscura-Fotografen unter einem möglichst weiten Begriff zu fassen. Er lässt sich auf dreierlei Art lesen:

Zwischenzeit akzentuiert einen spezifisch anderen Umgang mit dem Medium um Fotografie: obwohl der Camera-obscura-Fotograf einerseits über den Bau der Kamera in weit größerem Umfang in den Gestaltungsprozess eingreift als der Benutzer konfektionierter Apparate, erlebst er sich nicht ausschließlich als unmittelbaren Macher seiner eigenen Bilder. Mit dem Öffnen des Verschlusses lässt er sich auf einen Vorgang ein, muss dem Licht die Zeit einräumen, seine Bilder an das Aufnahmematerial abzugeben. Es ist ein Einsaugen des Lichtes, des Bildes in den Lochkameraraum, das Zeit verlangt und in seiner Einfachheit und Präzision erstaunt. Der Fotograf erhält diese Zeit, die Situation zu erleben und zu reflektieren.

Zwischenzeit umschreibt die Schwierigkeit zu bestimmen, was man eigentlich aufnimmt, wenn man etwas aufnimmt. Dass die Fotografie getreue Abbilder der Wirklichkeit liefere, ist ein Mythos. Statt dem Zeitdokument hinterherzulaufen, machen sich Camera-obscura-Fotografen auf die Suche nach den Dingen hinter den Dingen, Zwischenwelten und Zwischenzeiten.

Zwischenzeit klinkt sich ein in die Debatte um das angebliche Ende der Fotografie, deren Funktionen Stück für Stück übernommen werden: Computer, picture disk, elektronische Medien, etc. ...Wenn Künstler sich auf die einfachsten und grundsätzlichsten Bedingungen ihres Mediums besinnen, ist das ein Versuch, sich des eigenen Standortes zu versichern. Dass viele die Camera obscura wieder neue entdecken, ist nicht das Symptom einer Endzeit – es ist der Ausdruck einer ausgesprochen spannenden Übergangs – eben einer Zwischenzeit.

Jochen Dietrich, Helmut M. Hochwald und Thomas Kellner

Siegen und Bielefeld, im Februar 1993

>>> project Zwischenzeit

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