Artist Thomas KellnerPublications

Schwarzweiss, 30-2001

Matthias Kaufmann: Thomas Kellner:Big Ben tanzt in: Schwarzweiss 30, 2001

Big Ben Tanzt

Wahrscheinlich zu einem alten englischen Kinderlied: “London bridge is falling down…” Kinder haben das tatsaechlich schon gesungen, als sie seine Bilder gesehen haben, erinnert sich Thomas Kellner. Schwer zu sagen, wann Big Ben das letzte Mal getanzt hat. Meistens wird er nicht von Kellner fotografiert, sondern von Touristen und anderen Durchschnittsfotografen. Auf deren Bildern tanzt er fuer gewoehnlich nicht. Allerdings machen Durchschnittsfotografen nur ein Bild auf einem Negativ. Kellner braucht fuer ein Bild mindestens einen ganzen Film, wenn das reicht. So entstehen tanzende und wogende Mosaike. Theoretisch muessten sie nicht tanzen und wogen, aber „Passgenauigkeit zwischen den Bildern waere absolut unspannend,“, findet der 35-Jaehrige. Eiffelturm, Tower Bridge, Koelner Dom – die wuerde des Monuments kippt, wenn die steinernen Hueften kreisen.
 

Die Sache hat Vorbilder. Kellners erste Monument-Fragmente entstanden nicht zufaellig in Paris. Vor rund 90 Jahren hatte der Maler Robert Delaunay hier seine Stadtansichten in Quader und Rechtecke zerlegt. Kubismus hiess das spaeter, nach der Struktur von Kuben, in die das Motiv gegossen wird. Die Rolle dieser Kuben uebernehmen bei Kellner 35-mm-Kleinbild-Dias, die wie im Kubismus das Motiv aufbrechen. Kellner besteht aber darauf, kein kubistischer Fotograf zu sein. Die Kubisten machten sich das dreidimensionale Motiv auf der zweidimensionalen Leinwand untertan, indem sie gleichzeitig verschiedene Seiten des selben Objekts zeigten. Er hingegen nimmt sich nur eine Seite vor, die Fassade meist, und zerlegt sie in verdauliche Haeppchen. Dem architektonischen Dekonstruktivismus sei das entlehnt, der wie am Juedischen Museum in Berlin oder dem Guggenheim in Bilbao die ueblichen Flaechen und Volumen ignoriert. Ganz bewusst soll das aussehen wie vom Erdbeben geschuettelt oder dem Zufall entsprungen.
 

Dabei ueberlaesst der Kuenstler mit Atelier in Siegen wenig dem Zufall. Ist erst mal ein Standort fuer die Kamera gefunden, wird eine Vorgehensskizze erstellt, eine Art Storyboard, das festhaelt, wie das Gebaeude zu verhackstuecken ist. Meistens geht er zeilen- und nicht spaltenweise vor, „das wirkt weniger unruhig“ und entspricht der Leserichtung in unserem Kulturkreis. Ein skaliertes Stativ ist sein Fixpunkt. So schafft er an guten Tagen drei Motive. Wenn sich allerdings kurz vor Schluss das Wetter aendert, war alle Arbeit umsonst.
 

Thomas Kellners Bilder finden grossen Anklang im In- und Ausland. Derweil macht er immer aufwaendigere Mosaike, die sich aus immer mehr Einzelbildern zusammensetzen. Das Projekt ist auf mehrere Jahre angelegt und soll noch viele andere Metropolen zum Tanzen bringen – und dort Interesse an seinen Bildideen wecken. Nach den Fassaden sind dann Raeume dran: Ihn interessieren Masse, Raumwirkung und Klaustrophobie, etwa in Supermaerkten oder Fussballstadien. Nicht mehr „London bridge is falling down“, sondern „We are the champions“.

Kaufmann, M., 2001. Portfolio Thomas Kellner. Dekonstruiert. In: Schwarzweiss 30. Das Magazin für Fotografie 2001, September 2001, pp. 6-13.

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